Der Tod eines geliebten Menschen, eine Trennung, der Verlust der Gesundheit oder des Arbeitsplatzes — Trauer gehört zu den intensivsten Erfahrungen, die ein Mensch durchleben kann. Sie ist keine Krankheit, sondern eine natürliche und gesunde Reaktion auf Verlust. Dennoch kann Trauer überwältigend sein, das gesamte Leben durcheinanderbringen und in manchen Fällen professionelle Unterstützung erfordern.
Dieser Ratgeber erklärt, wie Trauer verläuft, wann sie zur behandlungsbedürftigen Störung wird und welche Hilfsangebote es in Österreich gibt — von Trauerbegleitung über Psychotherapie bis hin zu Selbsthilfe.
- Was ist Trauer?
- Arten von Verlust
- Phasen und Modelle der Trauer
- Normale vs. komplizierte Trauer
- Symptome der komplizierten Trauer
- Wann professionelle Hilfe suchen?
- Therapieansätze bei Trauer
- Trauerbegleitung in Österreich
- Selbsthilfe und Bewältigungsstrategien
- Trauernde Menschen unterstützen
- Häufige Fragen
- Quellen
Was ist Trauer?
Trauer ist die emotionale Antwort auf einen bedeutsamen Verlust. Sie betrifft nicht nur Gefühle, sondern den ganzen Menschen — Körper, Denken, Verhalten und soziale Beziehungen. Trauer kann sich als tiefe Traurigkeit äußern, aber auch als Wut, Schuldgefühle, Angst, Taubheit oder sogar als vorübergehende Erleichterung.
Wichtig ist: Es gibt kein "richtiges" Trauern. Jeder Mensch trauert anders, in seinem eigenen Tempo und auf seine eigene Weise. Manche weinen viel, andere gar nicht. Manche wollen reden, andere brauchen Rückzug. All das ist normal.
Trauer ist kein Problem, das gelöst werden muss, sondern ein Prozess, der durchlebt werden will. Die Aufgabe besteht nicht darin, den Schmerz zu beseitigen, sondern einen Weg zu finden, mit dem Verlust zu leben — und irgendwann wieder Freude, Sinn und Verbundenheit zu erfahren.
Arten von Verlust
Wenn wir an Trauer denken, denken die meisten Menschen an den Tod. Doch Trauer kann durch viele verschiedene Verluste ausgelöst werden:
Tod eines nahestehenden Menschen
Der Tod von Partner:in, Elternteil, Kind, Geschwister oder engen Freund:innen ist die intensivste Form des Verlusts. Besonders belastend sind plötzliche Todesfälle (Unfall, Suizid, Herzinfarkt), der Tod eines Kindes oder der Verlust mehrerer Menschen in kurzer Zeit.
Trennung und Scheidung
Das Ende einer Beziehung bedeutet den Verlust einer gemeinsamen Zukunft, eines Alltags, oft auch eines sozialen Umfelds. Die Trauer nach einer Trennung wird gesellschaftlich häufig unterschätzt — dabei kann sie genauso tiefgreifend sein wie die Trauer nach einem Todesfall.
Verlust der Gesundheit
Eine schwere Diagnose — ob chronische Krankheit, Behinderung oder lebensbedrohliche Erkrankung — bedeutet den Verlust des bisherigen Selbstbildes und der Lebensplanung. Auch Angehörige trauern, wenn ein geliebter Mensch schwer erkrankt.
Arbeitsplatzverlust und finanzielle Verluste
Kündigung, Insolvenz oder Pensionierung können intensive Trauergefühle auslösen — besonders wenn die berufliche Identität stark mit dem Selbstwert verknüpft ist.
Weitere Verluste
- Fehlgeburt und unerfüllter Kinderwunsch
- Verlust der Heimat (Flucht, Umzug, Migration)
- Verlust von Haustieren
- Verlust von Jugend, Fruchtbarkeit oder körperlichen Fähigkeiten
- Entfremdung von Familienmitgliedern oder Freund:innen
All diese Verluste verdienen Anerkennung und dürfen betrauert werden — auch wenn die Umgebung das manchmal nicht versteht.
Phasen und Modelle der Trauer
Über Trauer gibt es verschiedene wissenschaftliche Modelle. Keines davon beschreibt einen festen "Fahrplan" — sie dienen als Orientierungshilfe, um den Trauerprozess besser zu verstehen.
Das Phasenmodell nach Kübler-Ross
Die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross beschrieb in ihrem 1969 erschienenen Buch "On Death and Dying" fünf Phasen, die sterbende Menschen und Trauernde durchlaufen können:
- Leugnen (Denial): "Das kann nicht wahr sein." Ein Schutzmechanismus gegen den überwältigenden Schmerz.
- Wut (Anger): "Warum passiert das mir?" Wut auf das Schicksal, die verstorbene Person, Ärzt:innen oder sich selbst.
- Verhandeln (Bargaining): "Wenn ich nur ..." Versuch, das Geschehene rückgängig zu machen oder einen Sinn darin zu finden.
- Depression: Tiefe Traurigkeit, Rückzug, Gefühl der Leere und Hoffnungslosigkeit.
- Akzeptanz (Acceptance): Integration des Verlusts in das eigene Leben — nicht als "darüber hinweg sein", sondern als neues Gleichgewicht.
Wichtig: Kübler-Ross selbst betonte, dass diese Phasen nicht linear verlaufen. Nicht jeder Mensch erlebt alle Phasen, sie können sich überlappen, wiederholen oder in anderer Reihenfolge auftreten. Das Modell wird in der modernen Trauerforschung deshalb nicht mehr als fester Ablauf, sondern als Beschreibung möglicher Reaktionen verstanden.
Das Aufgabenmodell nach Worden
Der Psychologe J. William Worden entwickelte ein stärker handlungsorientiertes Modell. Statt Phasen beschreibt er vier "Aufgaben der Trauer", die aktiv bewältigt werden:
- Den Verlust als Realität akzeptieren: Begreifen, dass die verstorbene Person nicht zurückkommt — intellektuell und emotional.
- Den Schmerz der Trauer durcharbeiten: Den Schmerz zulassen, statt ihn zu verdrängen oder zu betäuben.
- Sich an eine Welt ohne die verstorbene Person anpassen: Neue Rollen übernehmen, den Alltag umgestalten, eine neue Identität entwickeln.
- Eine dauerhafte Verbindung zur verstorbenen Person finden und gleichzeitig das eigene Leben weiterführen: Die Beziehung wird nicht beendet, sondern transformiert — z.B. durch Erinnerungen, Rituale oder innere Dialoge.
Dieses Modell betont, dass Trauer keine passive Erfahrung ist, sondern aktive Anpassungsarbeit erfordert. Es wird in der modernen Trauerbegleitung und Trauertherapie häufig als Grundlage verwendet.
Das Duale Prozessmodell (Stroebe & Schut)
Margaret Stroebe und Henk Schut entwickelten das Duale Prozessmodell der Trauerbewältigung. Es beschreibt, dass Trauernde zwischen zwei Polen hin- und herpendeln:
- Verlustorientierung: Sich dem Schmerz des Verlusts stellen, weinen, erinnern, sehnen.
- Wiederherstellungsorientierung: Sich neuen Aufgaben widmen, den Alltag bewältigen, neue Identität entwickeln, Ablenkung suchen.
Das Oszillieren zwischen beiden Polen ist gesund und notwendig. Weder ständiges Trauern noch ständiges Vermeiden ist hilfreich. Dieses Modell ist in der aktuellen Trauerforschung besonders anerkannt, weil es die Realität vieler Trauernder gut abbildet.
Normale vs. komplizierte Trauer (anhaltende Trauerstörung)
Trauer — auch wenn sie intensiv und langandauernd ist — ist in den meisten Fällen ein normaler Prozess. Die meisten Menschen finden mit der Zeit einen Weg, mit ihrem Verlust zu leben, auch wenn der Schmerz nie ganz verschwindet.
Bei etwa 7 bis 10 Prozent der Trauernden kommt es jedoch zu einer sogenannten komplizierten Trauer oder anhaltenden Trauerstörung (Prolonged Grief Disorder). Seit 2022 ist diese als eigenständige Diagnose in der ICD-11 unter dem Code 6B42 anerkannt. Das bedeutet: Die Fachwelt erkennt an, dass Trauer in bestimmten Fällen eine behandlungsbedürftige psychische Störung werden kann.
Die Diagnose wird gestellt, wenn die Trauerreaktion deutlich über das hinausgeht, was angesichts der kulturellen und sozialen Normen erwartbar wäre, und zwar mindestens sechs Monate nach dem Verlust (bei manchen Autor:innen zwölf Monate). Es handelt sich nicht um "zu viel Trauern", sondern um ein Feststecken im Trauerprozess, bei dem die natürliche Anpassung nicht gelingt.
Was unterscheidet normale von komplizierter Trauer?
Normale Trauer:
- Intensiver Schmerz, der in Wellen kommt und geht
- Allmähliche Anpassung an die neue Realität
- Fähigkeit, auch positive Erinnerungen zuzulassen
- Schrittweise Wiederaufnahme des Alltags
- Offenheit für neue Beziehungen und Erfahrungen (wenn auch langsam)
Komplizierte / anhaltende Trauer:
- Dauerhaft intensive Sehnsucht und Beschäftigung mit dem Verlust
- Unfähigkeit, den Verlust als Realität zu akzeptieren
- Emotionale Taubheit oder das Gefühl, dass ein Teil von einem selbst gestorben ist
- Vermeidung von Erinnerungen oder im Gegenteil zwanghaftes Festhalten
- Schwere Beeinträchtigung des sozialen, beruflichen und persönlichen Lebens über Monate und Jahre
Symptome der komplizierten Trauer
Die anhaltende Trauerstörung äußert sich auf verschiedenen Ebenen:
Emotionale Symptome
- Intensive, kaum nachlassende Sehnsucht nach der verstorbenen Person
- Starke emotionale Schmerzen (Traurigkeit, Wut, Schuldgefühle, Bitterkeit)
- Gefühl der Sinnlosigkeit und Leere
- Unfähigkeit, Freude oder positive Emotionen zu empfinden
- Intensive Einsamkeit und Gefühl der Isolation
Kognitive Symptome
- Ständige gedankliche Beschäftigung mit der verstorbenen Person oder den Umständen des Todes
- Schwierigkeiten, den Tod als endgültig zu begreifen
- Grübeln über Schuldgefühle ("Hätte ich etwas tun können?")
- Identitätskrise ("Wer bin ich ohne diese Person?")
- Konzentrations- und Gedächtnisprobleme
Verhaltensbezogene Symptome
- Vermeidung von Orten, Personen oder Aktivitäten, die an den Verlust erinnern
- Oder: zwanghaftes Aufsuchen von Erinnerungsorten und Festhalten an Gegenständen
- Sozialer Rückzug
- Vernachlässigung der Selbstfürsorge (Ernährung, Hygiene, Gesundheit)
- Erhöhter Alkohol- oder Medikamentenkonsum
Körperliche Symptome
- Schlafstörungen
- Appetitlosigkeit oder übermäßiges Essen
- Erschöpfung und Antriebslosigkeit
- Körperliche Schmerzen (besonders im Brustbereich — "Herzschmerz")
- Geschwächtes Immunsystem, erhöhte Anfälligkeit für Krankheiten
Wann professionelle Hilfe suchen?
Trauer allein ist kein Grund, professionelle Hilfe zu suchen. Die meisten Menschen bewältigen ihre Trauer mit der Unterstützung von Familie, Freund:innen und ihrer eigenen Resilienz. Aber es gibt Situationen, in denen professionelle Begleitung sinnvoll oder notwendig ist:
- Die Trauer ist nach sechs Monaten oder länger unverändert intensiv und beeinträchtigt den Alltag stark
- Sie können nicht mehr arbeiten, den Haushalt führen oder soziale Kontakte pflegen
- Sie haben das Gefühl, im Trauerprozess "festzustecken"
- Sie leiden unter anhaltender Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit oder körperlichen Beschwerden
- Sie greifen vermehrt zu Alkohol, Medikamenten oder anderen Substanzen
- Sie haben Gedanken, nicht mehr leben zu wollen oder der verstorbenen Person folgen zu wollen
- Sie entwickeln Symptome einer Depression, Angststörung oder Posttraumatischen Belastungsstörung
- Der Verlust war traumatisch (Suizid, Gewaltverbrechen, Unfall, plötzlicher Kindstod)
- Sie hatten bereits vor dem Verlust psychische Probleme
Professionelle Hilfe zu suchen ist kein Zeichen von Schwäche. Es bedeutet, dass Sie sich und Ihren Trauerprozess ernst nehmen.
Therapieansätze bei Trauer
Für die Behandlung von Trauer und komplizierter Trauer gibt es verschiedene Ansätze. Die Wahl hängt von der Art des Verlusts, der Schwere der Symptome und den individuellen Bedürfnissen ab.
Trauerberatung (Grief Counseling)
Trauerberatung richtet sich an Menschen, die eine normale Trauerreaktion durchleben und dabei Unterstützung wünschen. Sie hilft dabei, den Trauerprozess zu verstehen, Gefühle auszudrücken und praktische Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Trauerberatung wird oft von Psycholog:innen, Lebensberater:innen, Seelsorger:innen oder ausgebildeten Trauerbegleiter:innen angeboten.
Trauertherapie (Grief Therapy)
Trauertherapie ist eine psychotherapeutische Behandlung für Menschen mit komplizierter oder anhaltender Trauer. Sie wird von approbierten Psychotherapeut:innen oder klinischen Psycholog:innen durchgeführt und geht tiefer als eine Trauerberatung. Ziel ist es, den blockierten Trauerprozess wieder in Gang zu bringen.
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)
Die KVT hat sich bei komplizierter Trauer als besonders wirksam erwiesen. Sie hilft dabei, dysfunktionale Gedankenmuster zu erkennen — z.B. übermäßige Schuldgefühle oder katastrophisierendes Denken — und durch hilfreichere Gedanken zu ersetzen. Spezifische Techniken umfassen Exposition gegenüber vermiedenen Erinnerungen und die schrittweise Wiederaufnahme von Aktivitäten.
Narrative Therapie
In der narrativen Therapie geht es darum, die Geschichte des Verlusts und der eigenen Trauer zu erzählen und neu zu rahmen. Durch das Erzählen und Umerzählen der Verlustgeschichte können Trauernde neue Bedeutungen finden und eine kohärente Lebensgeschichte entwickeln, die den Verlust integriert.
EMDR bei traumatischer Trauer
Wenn der Verlust unter traumatischen Umständen stattfand — etwa durch einen Unfall, Suizid oder Gewaltverbrechen — kann EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) hilfreich sein. EMDR hilft, traumatische Erinnerungsbilder zu verarbeiten, die den Trauerprozess blockieren. Nach der Verarbeitung der traumatischen Aspekte kann die eigentliche Trauerarbeit beginnen.
Mehr über EMDR und traumafokussierte Therapie erfahren Sie in unserem Ratgeber Trauma und PTBS behandeln.
Weitere wirksame Ansätze
- Existenzielle Psychotherapie: Auseinandersetzung mit Fragen von Sinn, Tod und Endlichkeit.
- Systemische Therapie: Besonders hilfreich, wenn eine ganze Familie trauert und die Familiendynamik sich verändert hat.
- Gestalttherapie: Arbeitet mit dem "leeren Stuhl" und ermöglicht symbolische Dialoge mit der verstorbenen Person.
- Kreativtherapeutische Ansätze: Kunst-, Musik- oder Schreibtherapie können helfen, Gefühle auszudrücken, die schwer in Worte zu fassen sind.
- Achtsamkeitsbasierte Verfahren: Helfen, mit schwierigen Gefühlen präsent zu bleiben, ohne von ihnen überflutet zu werden.
Einen Überblick über alle in Österreich anerkannten Therapiemethoden finden Sie in unserem Ratgeber zu Psychotherapie-Methoden.
Trauerbegleitung und Trauertherapie in Österreich
In Österreich gibt es ein differenziertes Angebot für trauernde Menschen. Es ist wichtig, die Unterschiede zwischen Trauerbegleitung und Trauertherapie zu kennen, um das richtige Angebot zu finden.
Trauerbegleitung vs. Trauertherapie
Trauerbegleitung ist ein niederschwelliges Angebot für Menschen mit normaler Trauer. Sie wird von ausgebildeten Trauerbegleiter:innen angeboten — das können Psycholog:innen, Sozialarbeiter:innen, Seelsorger:innen oder ehrenamtliche Hospizmitarbeiter:innen sein. Trauerbegleitung ist keine Psychotherapie und wird nicht von den Krankenkassen bezahlt.
Trauertherapie ist eine psychotherapeutische Behandlung, die von approbierten Psychotherapeut:innen oder klinischen Psycholog:innen durchgeführt wird. Sie ist indiziert bei komplizierter Trauer, bei begleitender Depression oder PTBS. Trauertherapie kann über einen Kassenplatz oder als Wahltherapie mit Kostenzuschuss in Anspruch genommen werden.
Kassenplatz und Kosten
Psychotherapie auf Kassenplatz: Wenn eine behandlungsbedürftige psychische Störung vorliegt (z.B. anhaltende Trauerstörung, Depression), haben Sie Anspruch auf kassenfinanzierte Psychotherapie. Der Ablauf:
- Zunächst brauchen Sie eine ärztliche Zuweisung (vom Hausarzt/der Hausärztin oder Psychiater:in).
- Mit dieser Zuweisung können Sie sich an eine Therapeut:in mit Kassenvertrag wenden.
- Kassenplätze sind in Österreich leider knapp — Wartezeiten von mehreren Wochen bis Monaten sind nicht unüblich.
Wahltherapeut:in mit Kostenzuschuss: Wenn Sie keinen Kassenplatz finden, können Sie eine:n Wahltherapeut:in aufsuchen. Die Kosten pro Sitzung liegen meist zwischen 80 und 150 Euro. Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten einen Teil:
- ÖGK (Österreichische Gesundheitskasse): ca. 33 Euro pro Sitzung
- SVS (Sozialversicherung der Selbständigen): ca. 45 Euro
- BVAEB (Beamtenversicherung): ca. 46 Euro
Für den Zuschuss reichen Sie die Honorarnote bei Ihrer Krankenkasse ein. Mehr Details zu Kosten und Erstattung finden Sie in unseren Ratgebern Was kostet Psychotherapie? und Kassenplatz beantragen.
Wichtige Anlaufstellen in Österreich
- Hospiz Österreich (Dachverband): Der Dachverband der Hospiz- und Palliativeinrichtungen koordiniert Trauerbegleitungsangebote in ganz Österreich. Viele Hospizvereine bieten kostenlose oder kostengünstige Trauergruppen und Einzelbegleitung an. www.hospiz.at
- CS Caritas Socialis (Wien): Bietet professionelle Trauerbegleitung für Erwachsene, Kinder und Jugendliche in Wien — Einzelgespräche und Trauergruppen. www.cs.at
- Rainbows: Unterstützt Kinder und Jugendliche, die von Trennung, Scheidung oder Tod eines nahestehenden Menschen betroffen sind. Angebote in allen Bundesländern. www.rainbows.at
- Telefonseelsorge: 0800 222 33 00 (kostenlos, 24/7) — auch für Trauernde eine wichtige Anlaufstelle.
- Kriseninterventionszentrum Wien: Akutanlaufstelle bei psychischen Krisen, auch im Zusammenhang mit Trauer. Keine Überweisung nötig.
- Psychosoziale Beratungsstellen der Bundesländer: Kostenlose psychosoziale Erstberatung — fragen Sie bei Ihrer Bezirkshauptmannschaft oder Magistratsabteilung nach.
Therapeut:in für Trauerbewältigung finden
Über CheckPsy.at können Sie gezielt nach Psychotherapeut:innen und Psycholog:innen suchen, die Erfahrung mit Trauerbewältigung haben. Filtern Sie nach Bundesland, Kassenvertrag und therapeutischem Verfahren, um die passende Fachperson zu finden.
Wenn Sie nicht wissen, welche Therapiemethode zu Ihnen passt, ist das kein Problem — ein Erstgespräch kann bei der Orientierung helfen. Tipps dazu finden Sie in unserem Ratgeber Das Erstgespräch in der Psychotherapie.
Selbsthilfe und Bewältigungsstrategien
Neben professioneller Unterstützung gibt es vieles, was trauernde Menschen selbst tun können, um den Trauerprozess zu unterstützen:
Dem Schmerz Raum geben
- Erlauben Sie sich zu trauern — weinen, wütend sein, sich zurückziehen. All das ist erlaubt und notwendig.
- Akzeptieren Sie, dass Trauer in Wellen kommt. Auch wenn Sie dachten, es geht besser, können schlechte Tage zurückkommen.
- Setzen Sie sich keine Fristen. "Darüber hinwegkommen" ist kein realistisches Ziel — "damit leben lernen" schon.
Struktur und Selbstfürsorge
- Versuchen Sie, eine Grundstruktur im Tag beizubehalten — Aufstehen, Essen, Bewegen.
- Achten Sie auf Schlaf, auch wenn er schwer fällt. Schlafhygiene kann helfen: feste Zeiten, kein Bildschirm vor dem Schlafen.
- Bewegen Sie sich — auch ein kurzer Spaziergang kann die Stimmung heben und Anspannung lösen.
- Ernähren Sie sich regelmäßig, auch wenn der Appetit fehlt.
- Vermeiden Sie vermehrten Alkohol- oder Medikamentenkonsum als Bewältigungsstrategie.
Rituale und Erinnerung
- Entwickeln Sie persönliche Rituale: eine Kerze anzünden, einen Erinnerungsort besuchen, an bestimmten Tagen bewusst innehalten.
- Schreiben Sie Tagebuch oder Briefe an die verstorbene Person.
- Erstellen Sie ein Erinnerungsalbum oder eine Erinnerungsbox.
- Sprechen Sie über die verstorbene Person — Erinnerungen lebendig zu halten ist gesund, nicht krankhaft.
Soziale Unterstützung
- Isolieren Sie sich nicht vollständig, auch wenn der Rückzug verständlich ist.
- Teilen Sie Ihrer Umgebung mit, was Sie brauchen — manchmal ist das ein Gespräch, manchmal einfach stille Anwesenheit.
- Trauergruppen und Selbsthilfegruppen bieten den Austausch mit Menschen, die Ähnliches durchleben. In Österreich organisieren die Hospizvereine, Pfarrgemeinden und Beratungsstellen solche Gruppen.
Kreative Ausdrucksformen
- Malen, Musizieren, Schreiben, Gartenarbeit oder Handwerk — kreative Tätigkeiten können helfen, Gefühle auszudrücken, die sich nicht in Worte fassen lassen.
- Es geht nicht um Perfektion, sondern um Ausdruck.
Trauernde Menschen unterstützen
Wenn ein nahestehender Mensch trauert, fühlen sich viele hilflos. "Ich weiß nicht, was ich sagen soll" — das ist verständlich. Hier sind einige Orientierungspunkte:
Was hilft
- Da sein: Präsenz ist wichtiger als Worte. Einfach da sein, zuhören, aushalten.
- Nachfragen: "Wie geht es dir heute?" — auch Wochen und Monate nach dem Verlust. Trauernde erleben oft, dass nach der Beerdigung niemand mehr fragt.
- Den Namen der verstorbenen Person nennen: Viele Trauernde wünschen sich, dass über die verstorbene Person gesprochen wird.
- Praktische Hilfe anbieten: Einkaufen, Kochen, Kinderbetreuung, Behördengänge — konkrete Hilfe ist oft wertvoller als ein allgemeines "Melde dich, wenn du etwas brauchst."
- Geduld haben: Trauer hat keinen Zeitplan. Drängen Sie nicht zur Besserung.
- Eigene Grenzen kennen: Sie können für den trauernden Menschen da sein, aber Sie können die Trauer nicht für ihn oder sie tragen. Achten Sie auch auf sich selbst.
Was nicht hilft (auch wenn gut gemeint)
- "Ich weiß, wie du dich fühlst" — Jede Trauer ist einzigartig.
- "Die Zeit heilt alle Wunden" — Trauernde erleben solche Sätze oft als abwertend.
- "Du musst jetzt stark sein" — Trauer erfordert keine Stärke, sondern Offenheit für den Schmerz.
- "Er/Sie ist jetzt an einem besseren Ort" — Religiöse Deutungen nur dann, wenn die trauernde Person sie selbst teilt.
- "Wenigstens hat er/sie nicht gelitten" — Relativierungen des Verlusts sind selten hilfreich.
- Ratschläge geben, ohne gefragt zu werden.
- Das Thema vermeiden aus Angst, den Schmerz zu verstärken — die Trauer ist bereits da, ob man darüber spricht oder nicht.
Häufige Fragen zur Trauerbewältigung
Wie lange dauert Trauer?
Es gibt keine feste Dauer. Manche Menschen fühlen sich nach einigen Monaten besser, bei anderen dauert es Jahre. Besonders nach dem Verlust sehr enger Bezugspersonen (Partner:in, Kind) kann die Trauer in gewisser Form ein Leben lang bestehen bleiben — das ist normal. Entscheidend ist nicht die Dauer, sondern ob eine allmähliche Anpassung an das Leben ohne die verstorbene Person gelingt.
Ist es normal, nach einem halben Jahr noch stark zu trauern?
Ja, absolut. Sechs Monate sind bei einem schweren Verlust keine lange Zeit. Die Diagnose "anhaltende Trauerstörung" wird frühestens nach sechs Monaten gestellt — und auch dann nur, wenn die Trauer deutlich über das kulturell Erwartbare hinausgeht und den Alltag massiv beeinträchtigt. Intensives Trauern allein ist kein Grund zur Sorge.
Zahlt die Krankenkasse Trauertherapie?
Wenn eine psychische Störung diagnostiziert wird — z.B. eine anhaltende Trauerstörung (ICD-11: 6B42), eine Depression oder eine PTBS im Zusammenhang mit dem Verlust — dann ist Psychotherapie eine Kassenleistung. Das heißt: Sie können einen Kassenplatz nutzen oder bei einer Wahltherapeut:in den Kostenzuschuss Ihrer Krankenkasse (ÖGK, SVS, BVAEB) beantragen. Reine Trauerbegleitung ohne Krankheitswert wird nicht von den Kassen übernommen.
Brauche ich eine Überweisung für eine Trauertherapie?
Für eine Psychotherapie auf Kassenplatz brauchen Sie in der Regel eine ärztliche Zuweisung. Bei Wahltherapeut:innen können Sie sich auch ohne Überweisung direkt anmelden. Für den Kostenzuschuss der Kasse wird eine ärztliche Bestätigung benötigt, dass eine Therapie medizinisch indiziert ist.
Was ist der Unterschied zwischen Trauerbegleitung und Trauertherapie?
Trauerbegleitung ist ein niederschwelliges Angebot für Menschen mit normaler Trauer — sie wird von ausgebildeten Trauerbegleiter:innen, Seelsorger:innen oder Hospizmitarbeiter:innen angeboten und ist keine Psychotherapie. Trauertherapie hingegen ist eine psychotherapeutische Behandlung für komplizierte oder anhaltende Trauer und wird von approbierten Psychotherapeut:innen oder klinischen Psycholog:innen durchgeführt.
Mein Kind trauert um ein Elternteil. Wo finde ich Hilfe?
Für trauernde Kinder und Jugendliche gibt es in Österreich spezialisierte Angebote. Rainbows (www.rainbows.at) bietet in allen Bundesländern Trauergruppen für Kinder und Jugendliche an. Die CS Caritas Socialis in Wien hat ebenfalls spezifische Angebote. Darüber hinaus sind Kinder- und Jugendpsychotherapeut:innen auf die Bedürfnisse junger Trauernder spezialisiert — Sie finden diese über CheckPsy.at. Lesen Sie auch unseren Ratgeber Psychotherapie für Kinder und Jugendliche.
Kann ich auch online eine Trauertherapie machen?
Ja. Seit dem COVID-Erlass des Bundesministeriums für Gesundheit ist Psychotherapie per Videokonferenz in Österreich zugelassen und wird von den Kassen gleichwertig anerkannt. Online-Therapie kann besonders hilfreich sein, wenn Sie in ländlichen Regionen leben oder Schwierigkeiten haben, das Haus zu verlassen. Mehr dazu in unserem Ratgeber Online-Therapie in Österreich.
Kann Trauer eine Depression auslösen?
Ja, Trauer und Depression können sich überlappen und Trauer kann in eine Depression übergehen. Es gibt jedoch Unterschiede: Bei normaler Trauer bleiben positive Erinnerungen und die Fähigkeit, zeitweise Freude zu empfinden, erhalten. Bei einer Depression hingegen dominieren anhaltende Hoffnungslosigkeit, Wertlosigkeit und Interessenverlust in allen Lebensbereichen. Wenn Sie unsicher sind, ob Ihre Trauer in eine Depression übergegangen ist, suchen Sie professionelle Hilfe auf. Mehr dazu in unserem Ratgeber Depression erkennen und behandeln.
Quellen
- World Health Organization (2022). ICD-11 — Prolonged Grief Disorder (6B42). icd.who.int
- Kübler-Ross, E. (1969). On Death and Dying. Macmillan.
- Worden, J. W. (2018). Grief Counseling and Grief Therapy: A Handbook for the Mental Health Practitioner. 5th Edition. Springer.
- Stroebe, M. & Schut, H. (1999). The Dual Process Model of Coping with Bereavement. Death Studies, 23(3), 197–224.
- Shear, M. K. et al. (2011). Complicated grief and related bereavement issues for DSM-5. Depression and Anxiety, 28(2), 103–117.
- Boelen, P. A. et al. (2006). Cognitive-behavioral conceptualization and treatment of complicated grief. Clinical Psychology Review, 26(7), 1070–1083.
- Hospiz Österreich — Dachverband von Palliativ- und Hospizeinrichtungen. www.hospiz.at
- Österreichischer Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP). www.psychotherapie.at
- Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz — Psychotherapie. www.sozialministerium.at