TL;DR
ADHS bei Erwachsenen wird oft erst spät erkannt. Diagnostik erfolgt durch Klinische Psycholog:innen oder Psychiater:innen. Behandlung kombiniert Therapie mit optionaler Medikation.
ADHS — die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung — wird noch immer von vielen als "Kinderkrankheit" abgetan. Tatsächlich betrifft ADHS aber auch Erwachsene: Rund 2,5 bis 4 Prozent der erwachsenen Bevölkerung leben mit ADHS, oft ohne es zu wissen. Viele Betroffene erhalten ihre Diagnose erst mit 30, 40 oder sogar 50 Jahren — nach Jahrzehnten voller Schwierigkeiten im Beruf, in Beziehungen und mit dem eigenen Selbstwert.
Dieser Ratgeber erklärt, wie sich ADHS bei Erwachsenen zeigt, wie die Diagnostik in Österreich abläuft, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt und wo Betroffene Unterstützung finden.
Was ist ADHS?
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die durch anhaltende Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und — bei einem Teil der Betroffenen — Hyperaktivität gekennzeichnet ist. Die Störung hat eine starke genetische Komponente und ist mit Veränderungen im Dopamin- und Noradrenalinstoffwechsel des Gehirns verbunden.
ADHS ist keine Frage von Intelligenz oder Willenskraft. Betroffene haben ein Gehirn, das Reize anders filtert und Prioritäten anders setzt. Das führt zu spezifischen Stärken (Kreativität, Begeisterungsfähigkeit, Hyperfokus) — aber auch zu erheblichen Schwierigkeiten im Alltag, wenn die Störung unerkannt und unbehandelt bleibt.
In der internationalen Klassifikation ICD-11 wird ADHS unter "Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung" geführt. Es werden drei Erscheinungsbilder unterschieden:
- Vorwiegend unaufmerksamer Typ: Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, leicht ablenkbar, vergesslich (früher "ADS" genannt)
- Vorwiegend hyperaktiv-impulsiver Typ: Motorische Unruhe, Impulsivität, Schwierigkeiten beim Abwarten
- Kombinierter Typ: Beide Bereiche sind betroffen — die häufigste Erscheinungsform
Symptome bei Erwachsenen
ADHS zeigt sich bei Erwachsenen oft anders als bei Kindern. Die äußerlich sichtbare Hyperaktivität nimmt häufig ab, während die innere Unruhe und die Aufmerksamkeitsprobleme bestehen bleiben oder sich sogar verstärken. Viele Betroffene haben über die Jahre gelernt, ihre Schwierigkeiten zu kompensieren — das kostet jedoch enorm viel Energie.
Aufmerksamkeit und Konzentration
- Schwierigkeiten, sich auf Aufgaben zu konzentrieren, die als langweilig oder wenig stimulierend empfunden werden
- Leichte Ablenkbarkeit durch äußere Reize oder eigene Gedanken
- Häufiges Verlieren oder Verlegen von Gegenständen (Schlüssel, Handy, Dokumente)
- Probleme, Aufgaben zu Ende zu bringen — viele angefangene Projekte
- Schwierigkeiten, Gesprächen aufmerksam zu folgen
- Hyperfokus: Paradoxerweise können ADHS-Betroffene bei interessanten Tätigkeiten stundenlang hochkonzentriert arbeiten und dabei alles um sich herum vergessen
Impulsivität
- Impulsive Entscheidungen (Einkäufe, Jobwechsel, Beziehungsschritte)
- Andere im Gespräch unterbrechen oder Sätze beenden
- Schwierigkeiten, abzuwarten (z.B. in Warteschlangen)
- Emotionale Impulsivität — schnelle, intensive Reaktionen auf Situationen
- Risikoverhalten (z.B. schnelles Autofahren, impulsiver Substanzkonsum)
Hyperaktivität und innere Unruhe
- Innere Rastlosigkeit und Getriebensein
- Schwierigkeiten, still zu sitzen (z.B. in Meetings, im Kino)
- Ständiges Bedürfnis nach Bewegung oder Beschäftigung
- Schlafprobleme — Schwierigkeiten, zur Ruhe zu kommen und einzuschlafen
- Gedankenrasen, besonders abends
Emotionsregulation
Ein oft unterschätzter Aspekt von ADHS ist die emotionale Dysregulation. Viele Erwachsene mit ADHS erleben ihre Emotionen besonders intensiv und haben Schwierigkeiten, diese zu steuern:
- Schnelle Stimmungswechsel — von begeistert zu frustriert in Minuten
- Geringe Frustrationstoleranz
- Rejection Sensitivity — extreme Empfindlichkeit gegenüber (vermeintlicher) Kritik oder Ablehnung
- Wutausbrüche, die im Nachhinein bereut werden
Organisation und Zeitmanagement
- Chronisches Aufschieben (Prokrastination)
- Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen
- Probleme mit Zeitgefühl und Pünktlichkeit
- Unordnung und Chaos in Wohnung oder am Arbeitsplatz
- Vergessen von Terminen und Verpflichtungen
ADHS in der Kindheit vs. im Erwachsenenalter
Lange galt ADHS als Störung, die sich "auswächst". Heute weiß man: Bei rund 50 bis 70 Prozent der betroffenen Kinder bleiben die Symptome bis ins Erwachsenenalter bestehen — wenn auch oft in veränderter Form.
- Hyperaktivität zeigt sich bei Kindern als Zappeln, Herumrennen und nicht stillsitzen können. Bei Erwachsenen wird daraus eher innere Unruhe, Rastlosigkeit und das Bedürfnis, immer beschäftigt zu sein.
- Impulsivität äußert sich bei Kindern als Dazwischenrufen oder nicht abwarten können. Bei Erwachsenen zeigt sie sich in vorschnellen Entscheidungen, impulsiven Äußerungen oder Schwierigkeiten in der Emotionsregulation.
- Unaufmerksamkeit bleibt oft bestehen oder verschlimmert sich sogar, weil die Anforderungen im Erwachsenenleben (Beruf, Finanzen, Haushalt, Beziehung) steigen.
Ein besonderes Problem: Viele Erwachsene — insbesondere Frauen — wurden in der Kindheit nie diagnostiziert. Der vorwiegend unaufmerksame Typ fällt im Schulalltag weniger auf als das hyperaktive "Zappelphilipp"-Bild, das lange das ADHS-Stereotyp prägte. Frauen mit ADHS kompensieren zudem häufig stärker und entwickeln eher internalisierte Symptome wie Ängste, Selbstzweifel und Erschöpfung.
Häufige Begleiterkrankungen (Komorbiditäten)
ADHS tritt selten allein auf. Rund 70 bis 80 Prozent der erwachsenen Betroffenen haben mindestens eine weitere psychische Erkrankung. Das erschwert die Diagnose und die Behandlung erheblich.
- Depression: Bis zu 40 Prozent der Erwachsenen mit ADHS entwickeln im Laufe ihres Lebens eine depressive Episode — oft als Folge jahrelanger Überforderung und Selbstwertprobleme. Mehr dazu in unserem Ratgeber zu Depression.
- Angststörungen: Etwa 30 bis 50 Prozent der Betroffenen leiden unter Ängsten — von sozialer Angst bis hin zu generalisierten Angststörungen. Siehe auch: Angststörung: Symptome und Therapie.
- Burnout und Erschöpfung: Die ständige Kompensation der ADHS-Symptome führt bei vielen Betroffenen zu chronischer Erschöpfung. Mehr dazu: Burnout: Prävention und Hilfe.
- Suchterkrankungen: Das Risiko für Substanzmissbrauch (Alkohol, Cannabis, Nikotin) ist bei unbehandeltem ADHS deutlich erhöht — vermutlich als Form der Selbstmedikation.
- Schlafstörungen: Einschlafprobleme und ein verschobener Schlaf-Wach-Rhythmus sind bei ADHS sehr häufig.
- Persönlichkeitsstörungen: Insbesondere die emotional instabile Persönlichkeitsstörung (Borderline) kann mit ADHS verwechselt werden oder gleichzeitig auftreten.
Diagnostik in Österreich
Die Diagnose von ADHS im Erwachsenenalter ist ein mehrstufiger Prozess. Da es keinen einzelnen Test gibt, der ADHS eindeutig nachweist, basiert die Diagnostik auf einer umfassenden Untersuchung durch spezialisierte Fachpersonen.
Wer darf ADHS diagnostizieren?
In Österreich sind folgende Berufsgruppen berechtigt, ADHS im Erwachsenenalter zu diagnostizieren:
- Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin: Erste Anlaufstelle für eine medizinische Diagnose und medikamentöse Behandlung. Sie können auch körperliche Ursachen ausschließen.
- Klinische Psycholog:innen: Führen die testpsychologische Diagnostik durch — also standardisierte Tests zu Aufmerksamkeit, Konzentration, Exekutivfunktionen und Intelligenz. Auf CheckPsy.at findest du Klinische Psycholog:innen mit ADHS-Spezialisierung.
- Fachärzt:innen für Neurologie: Können bei Bedarf neurologische Ursachen abklären.
Hausärzt:innen können eine Verdachtsdiagnose stellen und eine Überweisung ausstellen, eine definitive ADHS-Diagnose liegt jedoch in den Händen von Spezialist:innen. Mehr zur klinisch-psychologischen Diagnostik findest du in unserem Ratgeber zur psychologischen Diagnostik.
Ablauf der Diagnostik
Eine sorgfältige ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen umfasst in der Regel folgende Schritte:
- Anamnese und klinisches Interview: Ausführliches Gespräch über aktuelle Beschwerden, Lebensgeschichte, Entwicklung in der Kindheit und familiäre Vorgeschichte. Hier werden auch standardisierte Fragebögen eingesetzt (z.B. WURS-k, CAARS, ASRS).
- Fremdanamnese: Wenn möglich, werden Bezugspersonen (Eltern, Partner:in) befragt. Auch Schulzeugnisse aus der Kindheit können wertvolle Hinweise liefern.
- Testpsychologische Untersuchung: Klinische Psycholog:innen setzen standardisierte Testverfahren ein, um Aufmerksamkeit, Konzentration, Impulskontrolle und Exekutivfunktionen objektiv zu messen (z.B. TAP, d2-R, Conners CPT).
- Differenzialdiagnostik: Ausschluss anderer Störungen, die ähnliche Symptome verursachen (z.B. Schilddrüsenstörung, Depression, Angststörung, Schlafapnoe, Persönlichkeitsstörung).
- Abklärung von Komorbiditäten: Untersuchung auf häufige Begleiterkrankungen wie Depression, Angst oder Sucht.
Wartezeiten und Anlaufstellen
Die Nachfrage nach ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Die Wartezeiten bei spezialisierten Stellen können in Österreich mehrere Monate betragen. Wichtige Anlaufstellen sind:
- Universitätskliniken: Die psychiatrischen Ambulanzen der Universitätskliniken (z.B. AKH Wien, LKH Graz, Kepler Uniklinikum Linz) bieten spezialisierte ADHS-Diagnostik an.
- Niedergelassene Psychiater:innen mit ADHS-Schwerpunkt
- Klinische Psycholog:innen mit Spezialisierung auf ADHS-Testung — auf CheckPsy.at finden
- ADHS-Ambulanzen: Einige Krankenhäuser haben eigene ADHS-Spezialambulanzen eingerichtet.
Behandlung und Therapie
Die Behandlung von ADHS bei Erwachsenen ist multimodal — das heißt, sie kombiniert verschiedene Ansätze. Welche Bausteine sinnvoll sind, hängt vom Schweregrad, den individuellen Bedürfnissen und den vorhandenen Begleiterkrankungen ab.
1. Psychoedukation
Der erste und wichtigste Schritt nach der Diagnose: ADHS verstehen lernen. Psychoedukation hilft Betroffenen und ihrem Umfeld zu verstehen, was ADHS ist, wie es sich auswirkt und welche Strategien helfen. Allein das Wissen um die Diagnose kann eine enorme Entlastung sein — endlich gibt es eine Erklärung für die lebenslangen Schwierigkeiten.
2. Psychotherapie
Psychotherapie ist ein zentraler Baustein der ADHS-Behandlung. Besonders wirksam sind:
- Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Der am besten untersuchte Ansatz bei ADHS im Erwachsenenalter. KVT hilft, dysfunktionale Denkmuster zu erkennen (z.B. "Ich bin faul und unfähig"), Strategien für Organisation und Zeitmanagement zu entwickeln und den Umgang mit Emotionen zu verbessern.
- Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT): Besonders hilfreich bei ausgeprägter Emotionsregulationsstörung — ursprünglich für Borderline entwickelt, wird sie zunehmend auch bei ADHS eingesetzt.
- Achtsamkeitsbasierte Verfahren: Achtsamkeit (Mindfulness) kann helfen, die ständige innere Unruhe zu reduzieren und die Aufmerksamkeitssteuerung zu verbessern.
- Systemische Therapie: Kann sinnvoll sein, wenn familiäre oder partnerschaftliche Konflikte im Vordergrund stehen.
Einen passenden Therapeuten oder eine passende Therapeutin findest du über CheckPsy.at. Mehr zu den einzelnen Verfahren: Psychotherapie-Methoden im Überblick.
3. Medikamentöse Therapie
Medikamente können bei mittelschwerer bis schwerer ADHS eine deutliche Symptomverbesserung bringen. Sie ersetzen keine Psychotherapie, können aber die Grundlage dafür schaffen, dass therapeutische Strategien besser umgesetzt werden.
- Stimulanzien (Methylphenidat): Die am besten untersuchte und wirksamste Medikation bei ADHS. Bekannte Präparate in Österreich: Ritalin, Concerta, Medikinet. Methylphenidat erhöht die Dopaminverfügbarkeit im Gehirn und verbessert dadurch Aufmerksamkeit und Impulskontrolle. Es wirkt bei 70 bis 80 Prozent der Betroffenen.
- Lisdexamfetamin (Elvanse): Ein weiteres Stimulans mit langer Wirkdauer, das zunehmend als Alternative eingesetzt wird.
- Atomoxetin (Strattera): Ein Nicht-Stimulans, das auf das Noradrenalinsystem wirkt. Wird eingesetzt, wenn Stimulanzien nicht vertragen werden oder bei begleitender Suchterkrankung.
- Guanfacin: Ein weiteres Nicht-Stimulans, das bei bestimmten Symptomprofilen eingesetzt werden kann.
4. ADHS-Coaching
ADHS-Coaching ist ein praxisorientierter Ansatz, der sich auf konkrete Alltagsprobleme konzentriert. Im Unterschied zur Psychotherapie geht es beim Coaching weniger um die Bearbeitung psychischer Belastungen, sondern um die Entwicklung praktischer Strategien:
- Organisation von Alltag und Arbeit
- Zeitmanagement und Priorisierung
- Aufbau von Routinen
- Umsetzung von Vorhaben
- Strategien gegen Prokrastination
ADHS-Coaching wird in Österreich nicht von der Krankenkasse übernommen und ist eine Selbstfinanzierungsleistung.
5. Ergänzende Maßnahmen
- Sport und Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität verbessert nachweislich die Dopaminausschüttung und kann ADHS-Symptome lindern.
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Proteinen und Omega-3-Fettsäuren kann unterstützend wirken.
- Schlafhygiene: Feste Schlafenszeiten, Bildschirmverzicht vor dem Schlafen und Entspannungsrituale.
- Selbsthilfegruppen: Austausch mit anderen Betroffenen kann sehr entlastend sein und praktische Tipps liefern.
Kosten und Kassensystem in Österreich
Die Finanzierung der ADHS-Behandlung in Österreich ist ein wichtiges Thema, da sich die Kosten je nach Behandlungsbaustein und Versicherungsträger unterscheiden.
Diagnostik
- Psychiatrische Abklärung bei Kassenärzt:innen: Kostenlos mit e-card (ÖGK, SVS, BVAEB). Die Wartezeiten sind allerdings oft lang.
- Psychiatrische Abklärung bei Wahlärzt:innen: Kosten zwischen 150 und 300 Euro, teilweise Rückerstattung durch die Kasse (ca. 80 Prozent des Kassentarifs).
- Testpsychologische Diagnostik bei Klinischen Psycholog:innen: Kosten zwischen 300 und 800 Euro je nach Umfang. Eine Kostenrückerstattung ist bei ärztlicher Überweisung über die ÖGK möglich — die Voraussetzungen variieren je nach Versicherungsträger.
- Ambulanzen an Universitätskliniken: Auf Kassenkosten, jedoch mit teils langen Wartezeiten (mehrere Monate).
Psychotherapie
- Kassenplatz: Vollständig kostenlos. Die Kontingente sind allerdings begrenzt und die Wartezeiten je nach Bundesland lang. Mehr dazu: Kassenplatz Psychotherapie.
- Kassenzuschuss bei Wahltherapeut:innen: Wer keinen Kassenplatz bekommt, kann eine:n Wahltherapeut:in aufsuchen. Die Kosten pro Sitzung liegen bei 80 bis 150 Euro. Die ÖGK erstattet aktuell rund 33 Euro pro Sitzung (Einzeltherapie, 50 Minuten). SVS und BVAEB erstatten teils mehr. Mehr dazu: Kosten der Psychotherapie.
Medikamente
- Methylphenidat (z.B. Ritalin, Concerta): Bei ärztlicher Verschreibung auf Kassenrezept erhältlich. Es fällt die übliche Rezeptgebühr an (aktuell 7,10 Euro). Bei bestimmten Präparaten ist eine chefarztpflichtige Bewilligung nötig.
- Lisdexamfetamin (Elvanse Adult): Chefarztpflichtig, wird bei entsprechender Begründung von der Kasse übernommen.
- Atomoxetin (Strattera): Ebenfalls chefarztpflichtig und auf Kassenkosten erhältlich.
Leben mit ADHS — Selbsthilfe und Strategien
Neben professioneller Behandlung gibt es viele Strategien, die den Alltag mit ADHS erleichtern können. Die besten Strategien sind jene, die an die individuellen Stärken und Schwächen angepasst sind.
Organisation und Struktur
- Ein System statt Willenskraft: Nutze digitale Kalender mit Erinnerungen, To-Do-Listen-Apps und feste Routinen. Das ADHS-Gehirn braucht externe Strukturen.
- Dinge einen festen Platz geben: Schlüssel, Geldbörse und Handy gehören immer an denselben Ort.
- Aufgaben aufteilen: Große Aufgaben in kleine, überschaubare Schritte zerlegen. Jeder Schritt sollte maximal 15 bis 20 Minuten dauern.
- Body Doubling: In Gesellschaft arbeiten — ob physisch oder virtuell. Viele ADHS-Betroffene können sich besser konzentrieren, wenn jemand im selben Raum ebenfalls arbeitet.
Zeitmanagement
- Timer nutzen: Setze dir für Aufgaben einen Timer (z.B. Pomodoro-Technik: 25 Minuten arbeiten, 5 Minuten Pause).
- Pufferzeit einplanen: Plane immer mehr Zeit ein als du denkst zu brauchen.
- Visuelle Uhren: Timer-Apps, die die verbleibende Zeit visuell darstellen, können helfen, ein besseres Zeitgefühl zu entwickeln.
Emotionsregulation
- Die Pause-Strategie: Bevor du auf eine emotionale Situation reagierst, nimm dir bewusst 10 Sekunden Zeit zum Durchatmen.
- Regelmäßiger Sport: Mindestens 30 Minuten moderate Bewegung an den meisten Tagen der Woche. Sport ist eines der wirksamsten nicht-medikamentösen Mittel bei ADHS.
- Achtsamkeit und Meditation: Auch kurze Achtsamkeitsübungen (5 bis 10 Minuten) können helfen, die innere Unruhe zu reduzieren.
Im Berufsleben
- Wähle, wenn möglich, einen Beruf, der zu deinen ADHS-Stärken passt (Kreativität, Flexibilität, Begeisterungsfähigkeit).
- Nutze Noise-Cancelling-Kopfhörer in lauten Büros.
- Bitte um schriftliche Aufgabenstellungen statt nur mündlicher Anweisungen.
- Nutze Homeoffice-Möglichkeiten, um Ablenkungen zu reduzieren (oder suche gezielt ein Büro auf, wenn du zu Hause zu viele Ablenkungen hast).
In Beziehungen
- Offene Kommunikation: Erkläre deinem Partner oder deiner Partnerin, was ADHS ist und wie es sich auswirkt.
- Klare Aufgabenverteilung im Haushalt — am besten schriftlich.
- Gemeinsame Psychoedukation: Wenn beide verstehen, was ADHS bedeutet, lassen sich viele Konflikte vermeiden.
- Paartherapie kann helfen, wenn die Beziehung unter den ADHS-bedingten Schwierigkeiten leidet.
Selbsthilfegruppen in Österreich
Der Austausch mit anderen Betroffenen kann enorm hilfreich sein. In Österreich gibt es ADHS-Selbsthilfegruppen in den meisten Bundesländern, sowohl in Präsenz als auch online. Eine gute Anlaufstelle ist die Selbsthilfe Österreich, die über lokale Gruppen informiert.
Häufige Fragen zu ADHS bei Erwachsenen
Kann ADHS erstmals im Erwachsenenalter auftreten?
Nein. ADHS ist eine Entwicklungsstörung, die per Definition bereits in der Kindheit beginnt — auch wenn sie damals nicht erkannt wurde. Was im Erwachsenenalter erstmals auffällt, war in der Regel schon in der Kindheit vorhanden, wurde aber nicht diagnostiziert. Das gilt besonders für den vorwiegend unaufmerksamen Typ und für Frauen.
Was ist der Unterschied zwischen ADS und ADHS?
"ADS" (ohne Hyperaktivität) ist eine ältere Bezeichnung, die offiziell nicht mehr verwendet wird. Heute spricht man einheitlich von ADHS mit verschiedenen Erscheinungsbildern: vorwiegend unaufmerksam, vorwiegend hyperaktiv-impulsiv oder kombiniert. Auch wenn jemand keine sichtbare Hyperaktivität zeigt, lautet die Diagnose "ADHS, vorwiegend unaufmerksames Erscheinungsbild".
Wie finde ich eine:n Spezialist:in für ADHS-Diagnostik in meiner Nähe?
Nutze CheckPsy.at und suche nach Klinischen Psycholog:innen oder Psychiater:innen mit ADHS-Schwerpunkt in deinem Bundesland. Alternativ frage deine:n Hausärzt:in nach einer Überweisung an eine ADHS-Ambulanz.
Machen ADHS-Medikamente süchtig?
Bei bestimmungsgemäßer Einnahme unter ärztlicher Aufsicht ist das Suchtrisiko von Stimulanzien wie Methylphenidat sehr gering. Studien zeigen sogar, dass die medikamentöse Behandlung von ADHS das Risiko für Substanzmissbrauch senkt, da der Drang zur Selbstmedikation abnimmt. Methylphenidat und Lisdexamfetamin unterliegen dennoch dem Suchtmittelgesetz und werden kontrolliert verschrieben.
Zahlt die ÖGK die ADHS-Diagnostik?
Bei Kassenärzt:innen (Psychiater:innen mit Kassenvertrag) und in öffentlichen Ambulanzen ist die Diagnostik kostenlos. Testpsychologische Diagnostik bei Klinischen Psycholog:innen kann bei ärztlicher Überweisung teilweise rückerstattet werden — die genauen Bedingungen variieren und sollten vorab bei der ÖGK erfragt werden.
Kann ich mit ADHS einen normalen Beruf ausüben?
Ja, selbstverständlich. Viele Menschen mit ADHS sind beruflich sehr erfolgreich — gerade weil ADHS auch Stärken wie Kreativität, Begeisterungsfähigkeit und die Fähigkeit zum Hyperfokus mit sich bringt. Wichtig ist, einen Beruf zu finden, der zu den eigenen Stärken passt, und Strategien für die Schwächen zu entwickeln. Professionelle Unterstützung (Therapie, Coaching) kann dabei sehr hilfreich sein.
Wird ADHS bei Frauen anders diagnostiziert?
Die Diagnosekriterien sind dieselben. Allerdings zeigen Frauen häufiger den vorwiegend unaufmerksamen Typ und kompensieren ihre Schwierigkeiten stärker. Dadurch werden sie oft später oder gar nicht diagnostiziert. Frauen mit ADHS berichten häufiger von Erschöpfung, emotionaler Überlastung und Selbstwertproblemen als von klassischer Hyperaktivität.
Kann Psychotherapie allein bei ADHS helfen, oder brauche ich Medikamente?
Das hängt vom Schweregrad ab. Bei leichter ADHS kann Psychotherapie (insbesondere KVT) allein ausreichend sein. Bei mittelschwerer bis schwerer ADHS empfehlen die Leitlinien eine Kombination aus Psychotherapie und Medikation. Die Entscheidung sollte individuell mit der behandelnden Fachperson getroffen werden.
Quellen
- S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (AWMF)
- NICE Guideline: Attention deficit hyperactivity disorder (NG87)
- Faraone, S.V. et al. (2021): The World Federation of ADHD International Consensus Statement. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 128, 789–818.
- Kooij, J.J.S. et al. (2019): Updated European Consensus Statement on diagnosis and treatment of adult ADHD. European Psychiatry, 56, 14–34.
- Öffentliches Gesundheitsportal Österreichs (gesundheit.gv.at)
- Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK)