Auf einen Blick
Psychotherapeut:in = Therapie (Gesprächs- und Behandlungsmethoden, keine Medikamente). Klinische:r Psycholog:in = Diagnostik + klinisch-psychologische Behandlung. Psychiater:in = Fachärzt:in, darf Medikamente verschreiben. Alle drei arbeiten oft zusammen. Für die meisten psychischen Beschwerden ist die Psychotherapeut:in die richtige erste Anlaufstelle. Auf checkpsy.at findest du zugelassene Fachpersonen in deiner Nähe.
Du merkst, dass es dir psychisch nicht gut geht, und willst dir Hilfe holen — aber zu wem sollst du eigentlich gehen? Psychotherapeut, Psychologe, Psychiater — die Begriffe klingen ähnlich, aber dahinter stecken völlig unterschiedliche Ausbildungen, Befugnisse und Herangehensweisen. In Österreich ist das Gesundheitssystem in diesem Bereich besonders differenziert geregelt. Dieser Ratgeber bringt Klarheit.
Die drei Berufsbilder im Überblick
Psychotherapeut:in
Psychotherapeut:innen behandeln psychische Leiden, Verhaltensstörungen und psychosomatische Beschwerden mit wissenschaftlich anerkannten Therapiemethoden. In Österreich ist der Beruf durch das Psychotherapiegesetz (1990) geregelt.
Ausbildung in Österreich:
- Psychotherapeutisches Propädeutikum (Grundausbildung, ca. 1.400 Stunden Theorie und Praxis)
- Psychotherapeutisches Fachspezifikum in einer der 23 anerkannten Methoden (z. B. Verhaltenstherapie, Psychoanalyse, systemische Therapie, personzentrierte Psychotherapie) — weitere ca. 1.900 Stunden inkl. Selbsterfahrung und Supervision
- Gesamtdauer: typischerweise 5–8 Jahre berufsbegleitend
- Eintragung im Psychotherapeutenkatalog des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) — erst dann darf man sich Psychotherapeut:in nennen
Wichtig: In Österreich ist "Psychotherapeut:in" ein gesetzlich geschützter Titel. Man muss kein Psychologiestudium haben, um Psychotherapeut:in zu werden — der Zugang steht verschiedenen Berufsgruppen offen (z. B. Pädagog:innen, Sozialarbeiter:innen, Mediziner:innen, Psycholog:innen).
Klinische:r Psycholog:in
Klinische Psycholog:innen sind Expert:innen für psychologische Diagnostik und klinisch-psychologische Behandlung. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Anwendung wissenschaftlich-psychologischer Methoden zur Diagnose und Behandlung psychischer Störungen.
Ausbildung in Österreich:
- Abgeschlossenes Psychologiestudium (Diplom oder Master, mind. 300 ECTS)
- Postgraduale Ausbildung in Klinischer Psychologie gemäß Psychologengesetz 2013 (mind. 160 Theoriestunden + 1.480 Praxisstunden + Supervision)
- Eintragung in die Liste der Klinischen Psycholog:innen beim BMG
Befugnisse: Klinische Psycholog:innen dürfen klinisch-psychologische Diagnostik durchführen (z. B. IQ-Tests, Persönlichkeitstests, neuropsychologische Testung) und klinisch-psychologische Behandlung anbieten. Diese Behandlung ist methodisch eigenständig und nicht mit Psychotherapie gleichzusetzen — sie ist stärker evidenzbasiert, oft kürzer und diagnosefokussiert.
Psychiater:in
Psychiater:innen sind Fachärzt:innen für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin. Sie haben ein vollständiges Medizinstudium absolviert und sich anschließend auf psychische Erkrankungen spezialisiert.
Ausbildung in Österreich:
- Medizinstudium (6 Jahre, Abschluss Dr. med. univ.)
- Facharztausbildung in Psychiatrie und Psychotherapeutischer Medizin (6 Jahre)
- Eintragung in die Ärzteliste der Österreichischen Ärztekammer
Befugnisse: Psychiater:innen dürfen als einzige der drei Berufsgruppen Medikamente verschreiben (z. B. Antidepressiva, Anxiolytika, Antipsychotika). Sie stellen psychiatrische Diagnosen, beurteilen die Arbeitsfähigkeit und können Einweisungen in psychiatrische Einrichtungen vornehmen.
Der Ausbildungsweg im Vergleich
Die Ausbildungswege unterscheiden sich grundlegend — das erklärt auch die unterschiedlichen Herangehensweisen:
- Psychotherapeut:in: Propädeutikum + Fachspezifikum (ca. 3.300 Stunden, 5–8 Jahre berufsbegleitend). Kein Psychologiestudium nötig, aber intensive Selbsterfahrung und Supervision sind Pflicht
- Klinische:r Psycholog:in: Psychologiestudium (5 Jahre) + postgraduale Ausbildung (ca. 2 Jahre). Stark wissenschaftlich geprägt, mit Schwerpunkt auf Diagnostik und evidenzbasierter Behandlung
- Psychiater:in: Medizinstudium (6 Jahre) + Facharztausbildung (6 Jahre) = 12 Jahre. Medizinisch-biologischer Zugang, Fokus auf Gehirnfunktion, Neurochemie und Pharmakologie
Manche Fachpersonen tragen mehrere Titel: Eine Psychiater:in kann zusätzlich Psychotherapeut:in sein, eine Klinische Psycholog:in kann ebenfalls eine Psychotherapie-Ausbildung haben. Das erweitert die Behandlungsmöglichkeiten.
Kassenleistung — was zahlt die ÖGK?
Die Kostenübernahme durch die Krankenkasse ist ein wichtiges Entscheidungskriterium. Hier die aktuelle Lage in Österreich:
Psychotherapie (bei Psychotherapeut:innen)
- Kassenplatz: Vollständig von der ÖGK finanziert — keine Kosten für dich. Die Therapeut:in hat einen Vertrag mit der ÖGK. Wartezeiten können mehrere Wochen bis Monate betragen
- Wahltherapie mit Kostenzuschuss: Du gehst zu einer Wahltherapeut:in (ohne Kassenvertrag) und erhältst von der ÖGK einen Zuschuss von derzeit rund 33 Euro pro Einzelsitzung (50 Min.). Die Differenz trägst du selbst
- Voraussetzung: Vor der 2. Sitzung brauchst du eine ärztliche Bestätigung, dass keine körperliche Ursache vorliegt
Klinisch-psychologische Leistungen
- Diagnostik: Klinisch-psychologische Diagnostik (z. B. bei Verdacht auf ADHS, Demenz, Lernstörungen) wird von der ÖGK übernommen, wenn sie ärztlich verordnet wurde
- Behandlung: Klinisch-psychologische Behandlung wird von der ÖGK derzeit nicht bezuschusst. Du trägst die Kosten selbst. Die Leistungen anderer Versicherungsträger können abweichen
Psychiatrische Leistungen
- Kassenpsychiater:in: Der Besuch bei einer Psychiater:in mit Kassenvertrag ist vollständig von der ÖGK gedeckt — wie bei jeder Fachärzt:in. Dafür brauchst du keine Überweisung
- Wahlpsychiater:in: Bei einer Wahlärzt:in erhältst du einen Kostenrückersatz von der ÖGK (in der Regel 80 % des Kassentarifs)
- Medikamente: Rezeptpflichtige Psychopharmaka werden bei ärztlicher Verordnung von der Kasse übernommen (abzüglich Rezeptgebühr)
Mehr zu den Kosten: Psychotherapie Kosten Österreich 2026
Diagnose vs. Therapie — wer macht was?
Ein häufiges Missverständnis: Nicht jede Fachperson darf alles.
- Diagnosen stellen dürfen Ärzt:innen (inkl. Psychiater:innen) und Klinische Psycholog:innen. Psychotherapeut:innen stellen keine formalen ICD-Diagnosen, arbeiten aber mit einer psychotherapeutischen Einschätzung
- Psychotherapie durchführen dürfen nur eingetragene Psychotherapeut:innen — oder Ärzt:innen mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung
- Medikamente verschreiben dürfen nur Ärzt:innen — in der Praxis vor allem Psychiater:innen und Hausärzt:innen
- Psychologische Testung (IQ-Tests, Persönlichkeitstests, neuropsychologische Diagnostik) ist die Domäne der Klinischen Psycholog:innen
Wann zu wem? — Empfehlung
Hier eine pragmatische Orientierung, die für die meisten Situationen passt:
Geh zur Psychotherapeut:in, wenn:
- Du unter wiederkehrenden psychischen Belastungen leidest (Angst, Trauer, Stress, Beziehungsprobleme)
- Du Verhaltensmuster ändern möchtest, die dir schaden
- Du eine Depression, Angststörung, Burnout oder ein Trauma verarbeiten willst
- Du eine längerfristige, regelmäßige Begleitung suchst
- Du dich selbst besser verstehen möchtest
Die Psychotherapeut:in ist für die meisten psychischen Beschwerden die richtige erste Anlaufstelle.
Geh zur Klinischen Psycholog:in, wenn:
- Du eine psychologische Diagnostik brauchst (z. B. ADHS-Abklärung, Lernstörung, neuropsychologische Testung)
- Du eine kürzere, diagnosebasierte Behandlung suchst
- Du ein psychologisches Gutachten benötigst (z. B. für Gericht, Arbeitgeber, Schule)
Geh zur Psychiater:in, wenn:
- Du eine medikamentöse Behandlung brauchst oder in Erwägung ziehst
- Du eine schwere psychische Erkrankung hast (z. B. bipolare Störung, Psychose, schwere Depression)
- Du eine Krankschreibung oder ein psychiatrisches Gutachten benötigst
- Du akute Krisensymptome hast (Suizidgedanken, akute Angstattacken, Dissoziation)
Geh zur Hausärzt:in als Ausgangspunkt, wenn:
- Du unsicher bist, was dir fehlt, und eine erste Einschätzung brauchst
- Du körperliche Symptome hast, die psychische Ursachen haben könnten
- Du eine Überweisung oder ärztliche Bestätigung für die Kasse brauchst
Gesundheitspsycholog:in — die vierte Berufsgruppe
Neben den drei Hauptberufen gibt es in Österreich noch die Gesundheitspsycholog:in. Diese Fachperson hat ebenfalls ein Psychologiestudium absolviert und eine postgraduale Ausbildung in Gesundheitspsychologie abgeschlossen (gemäß Psychologengesetz 2013).
Gesundheitspsycholog:innen arbeiten vor allem präventiv: Sie beraten zu gesunder Lebensführung, Stressbewältigung, Rauchentwöhnung, Ernährung und Bewegung. Sie behandeln in der Regel keine psychischen Erkrankungen im engeren Sinn, sondern helfen dabei, psychische Gesundheit zu erhalten und zu fördern.
Wann zur Gesundheitspsycholog:in? Wenn du keine akute psychische Erkrankung hast, aber an deiner Stressresilienz arbeiten, gesünder leben oder Burnout-Prävention betreiben möchtest.
Häufige Missverständnisse
- "Psychotherapeut:innen sind immer Psycholog:innen" — Falsch. In Österreich kann man Psychotherapeut:in werden, ohne Psychologie studiert zu haben. Der Zugang steht verschiedenen Grundberufen offen
- "Zum Psychiater geht man nur, wenn man verrückt ist" — Falsch. Psychiater:innen behandeln das gesamte Spektrum psychischer Erkrankungen — von Schlafstörungen über Depressionen bis hin zu ADHS. Ein Besuch bei der Psychiater:in ist genauso normal wie einer bei der Kardiolog:in
- "Psycholog:innen machen Therapie" — Nicht automatisch. Ein Psychologiestudium allein berechtigt nicht zur Psychotherapie. Dafür braucht es eine zusätzliche Ausbildung (Propädeutikum + Fachspezifikum)
- "Online-Therapie ist weniger wirksam" — Studien zeigen, dass Online-Psychotherapie bei den meisten Störungsbildern vergleichbar wirksam ist. Mehr dazu im Ratgeber Online-Therapie Österreich
Zusammenarbeit der Berufsgruppen
In der Praxis arbeiten Psychotherapeut:innen, Klinische Psycholog:innen und Psychiater:innen oft zusammen — besonders bei komplexeren Fällen:
- Die Psychiater:in stellt die Diagnose und regelt die Medikation
- Die Psychotherapeut:in arbeitet regelmäßig (meist wöchentlich) an den psychischen Ursachen, Verhaltensmustern und emotionalen Verarbeitung
- Die Klinische Psycholog:in führt bei Bedarf diagnostische Testungen durch und bietet ergänzende klinisch-psychologische Behandlung an
- Die Hausärzt:in koordiniert als Erstanlaufstelle und stellt ärztliche Bestätigungen für den Kassenzuschuss aus
Diese multiprofessionelle Zusammenarbeit ist das Ideal — in der Realität funktioniert sie am besten, wenn die Fachpersonen aktiv miteinander kommunizieren. Du kannst selbst dazu beitragen, indem du deinen Behandler:innen erlaubst, sich auszutauschen.
Häufige Fragen
Brauche ich eine Überweisung für den Psychotherapeuten?
Nein. In Österreich kannst du direkt zu einer Psychotherapeut:in gehen — ohne Überweisung vom Hausarzt. Für den ÖGK-Kostenzuschuss benötigst du allerdings vor der zweiten Sitzung eine ärztliche Bestätigung (vom Hausarzt oder Facharzt), dass keine körperliche Ursache für deine Beschwerden vorliegt. Bei einem Kassenplatz regelt die Therapeut:in das in der Regel mit dir.
Kann ein Psychologe auch Therapie machen?
Ein Klinischer Psychologe darf klinisch-psychologische Behandlung durchführen — das ist eine eigenständige Behandlungsform, die sich von Psychotherapie unterscheidet. Sie ist stärker diagnosebasiert und oft kürzer. Nur wer zusätzlich eine Psychotherapie-Ausbildung absolviert hat, darf als Psychotherapeut:in arbeiten. Manche Klinische Psycholog:innen haben beide Qualifikationen.
Wer darf Medikamente verschreiben?
Ausschließlich Ärzt:innen — in der Regel Psychiater:innen oder Hausärzt:innen. Psychotherapeut:innen und Psycholog:innen dürfen keine Medikamente verschreiben. Wenn du eine Kombination aus Therapie und Medikation brauchst, arbeitest du typischerweise mit einer Psychotherapeut:in und einer Psychiater:in zusammen.
Zahlt die Krankenkasse den Psychologen?
Klinisch-psychologische Diagnostik (Testung) wird in der Regel von der Kasse übernommen, wenn sie ärztlich verordnet wurde. Klinisch-psychologische Behandlung wird von der ÖGK derzeit nicht bezuschusst — im Gegensatz zur Psychotherapie, für die es einen Kostenzuschuss gibt. Die Leistungen anderer Versicherungsträger (BVAEB, SVS) können abweichen.
Was kostet eine Sitzung beim Psychotherapeuten?
Eine Einzelsitzung (50 Minuten) kostet bei Wahltherapeut:innen typischerweise zwischen 80 und 130 Euro. Der ÖGK-Kostenzuschuss beträgt derzeit rund 33 Euro pro Sitzung. Bei einem vollfinanzierten Kassenplatz fallen keine Kosten für dich an. Wartezeiten für Kassenplätze können allerdings mehrere Wochen bis Monate betragen.
Was ist der Unterschied zwischen Gesundheitspsychologie und Klinischer Psychologie?
Gesundheitspsycholog:innen arbeiten vor allem präventiv: Stressmanagement, Gesundheitsförderung, Lebensstiländerung. Klinische Psycholog:innen arbeiten mit Menschen, die bereits psychische Beschwerden oder Erkrankungen haben — sie diagnostizieren und behandeln. Beide Berufsbilder sind in Österreich gesetzlich geregelt (Psychologengesetz 2013).
Kann ich gleichzeitig zum Psychotherapeuten und zum Psychiater gehen?
Ja, das ist sogar sehr häufig und oft sinnvoll. Die Psychotherapeut:in arbeitet an den psychischen Ursachen und Mustern, die Psychiater:in kümmert sich um die medikamentöse Einstellung. Beide stimmen sich idealerweise ab. Besonders bei mittelschweren bis schweren Depressionen, bipolaren Störungen oder Angststörungen ist die Kombination oft empfohlen.
Wie finde ich heraus, ob jemand wirklich zugelassen ist?
Psychotherapeut:innen müssen im Psychotherapeutenkatalog des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) eingetragen sein. Klinische Psycholog:innen findest du in der Liste des BMG für Klinische Psycholog:innen und Gesundheitspsycholog:innen. Psychiater:innen sind in der Ärzteliste der Österreichischen Ärztekammer verzeichnet. Auf checkpsy.at findest du ausschließlich zugelassene Fachpersonen.