Suchterkrankungen zählen zu den häufigsten und zugleich am stärksten tabuisierten psychischen Störungen. In Österreich sind schätzungsweise 370.000 Menschen alkoholabhängig, weitere 735.000 konsumieren Alkohol in einem gesundheitsgefährdenden Ausmaß. Dazu kommen Hunderttausende, die von illegalen Substanzen, Medikamenten oder Verhaltenssüchten betroffen sind. Trotzdem suchen nur wenige Betroffene professionelle Hilfe — oft aus Scham, Angst oder der Überzeugung, das Problem allein bewältigen zu können. Dieser Ratgeber erklärt, was Sucht ist, wie man sie erkennt, welche Behandlungsmöglichkeiten es in Österreich gibt und wo du konkret Unterstützung findest.
- Was ist Sucht? Das biopsychosoziale Modell
- Substanzabhängigkeit und Verhaltenssüchte
- Alkohol in Österreich: Zahlen, Kultur und Folgen
- Anzeichen und Symptome einer Suchterkrankung
- Diagnose nach ICD-11
- Stadien der Veränderung (Prochaska & DiClemente)
- Behandlungssystem in Österreich
- Therapieansätze bei Suchterkrankungen
- Medikamentöse Unterstützung
- Anlaufstellen und Einrichtungen in Österreich
- Selbsthilfegruppen: AA, Al-Anon und mehr
- Kosten und Versicherungsleistungen
- Harm Reduction: Schadensminimierung
- Einen suchtkranken Menschen unterstützen
- Häufige Fragen (FAQ)
- Quellen und weiterführende Links
Was ist Sucht? Das biopsychosoziale Modell
Sucht — in der Fachsprache als "Abhängigkeitssyndrom" oder "Substanzgebrauchsstörung" bezeichnet — ist eine chronische Erkrankung des Gehirns und des Verhaltens. Sie entsteht nicht durch mangelnde Willenskraft oder fehlende Moral, sondern durch ein komplexes Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren.
Biologische Faktoren: Genetische Veranlagung spielt eine wichtige Rolle — Studien zeigen, dass Kinder von alkoholabhängigen Eltern ein drei- bis vierfach erhöhtes Risiko tragen, selbst eine Suchterkrankung zu entwickeln. Neurobiologisch verändert wiederholter Substanzkonsum das Belohnungssystem im Gehirn (vor allem den Dopamin-Stoffwechsel), sodass natürliche Belohnungsreize immer weniger wirken und die Substanz oder das Verhalten zum dominierenden Motivator wird.
Psychologische Faktoren: Traumatische Erfahrungen, Depression, Angststörungen, ADHS, Persönlichkeitsstörungen, geringes Selbstwertgefühl und Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation können die Entstehung einer Sucht begünstigen. Viele Betroffene berichten, dass sie anfänglich konsumierten, um psychische Belastungen zu bewältigen — ein Mechanismus, der als "Selbstmedikation" bezeichnet wird.
Soziale Faktoren: Familiäre Vorbelastung, ein konsumfreundliches Umfeld, Gruppendruck, Verfügbarkeit der Substanz, soziale Isolation oder gesellschaftliche Normen (wie die österreichische Trinkkultur) beeinflussen das Suchtrisiko erheblich.
Substanzabhängigkeit und Verhaltenssüchte
Substanzgebundene Süchte
Substanzabhängigkeiten entstehen durch den wiederholten Konsum psychoaktiver Substanzen, die das zentrale Nervensystem beeinflussen. Die häufigsten Formen in Österreich:
- Alkohol: Die mit Abstand häufigste Suchterkrankung in Österreich — ca. 370.000 Menschen sind abhängig, weitere 735.000 konsumieren problematisch.
- Nikotin/Tabak: Etwa 20–25 % der österreichischen Bevölkerung rauchen regelmäßig. Nikotinabhängigkeit ist eine anerkannte Suchterkrankung.
- Illegale Drogen: Cannabis, Amphetamine, Kokain, Opioide (Heroin), synthetische Drogen — der Konsum variiert je nach Region und Altersgruppe.
- Medikamentenabhängigkeit: Benzodiazepine (Schlaf- und Beruhigungsmittel), Opioide (Schmerzmittel) und Z-Substanzen werden oft unterschätzt. Besonders ältere Menschen und Frauen sind betroffen.
Verhaltenssüchte (nicht-stoffgebundene Süchte)
Auch ohne eine Substanz kann das Belohnungssystem des Gehirns "gekapert" werden. Die ICD-11 erkennt erstmals auch Verhaltenssüchte als eigenständige Diagnosen an:
- Glücksspielstörung (Gambling Disorder): In Österreich ein ernstzunehmendes Problem — Schätzungen gehen von 40.000–65.000 pathologischen Spieler:innen aus.
- Gaming Disorder (Computerspielsucht): Seit 2019 in der ICD-11 als Diagnose anerkannt — besonders Jugendliche und junge Erwachsene sind betroffen.
- Internetsucht / Social-Media-Sucht: Noch nicht offiziell klassifiziert, aber klinisch zunehmend relevant.
- Kaufsucht, Sexsucht, Arbeitssucht: Weitere Verhaltensmuster, die suchtartige Züge annehmen können.
Alkohol in Österreich: Zahlen, Kultur und Folgen
Österreich gehört international zu den Ländern mit dem höchsten Pro-Kopf-Alkoholkonsum. Der durchschnittliche Konsum liegt bei etwa 11,8 Litern reinem Alkohol pro Person und Jahr — deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Alkohol ist in der österreichischen Gesellschaft tief verankert: Weinkultur, Heuriger, Biergartenbesuche, das "Feierabendbier" und Alkohol bei gesellschaftlichen Anlässen gehören zum Alltag.
Diese kulturelle Normalisierung macht es besonders schwer, problematischen Konsum als solchen zu erkennen. Wer "nichts trinkt", wird oft kritisch beäugt — wer regelmäßig trinkt, gilt als gesellig. Diese Trinknorm erschwert es Betroffenen, ihr Problem zu benennen, und verzögert den Weg zur Hilfe.
Die Folgen sind gravierend: In Österreich sterben jährlich rund 8.000 Menschen an den direkten und indirekten Folgen von Alkoholkonsum. Alkohol ist an etwa 30 % aller Verkehrstoten beteiligt, verursacht Lebererkrankungen (Leberzirrhose, Fettleber), erhöht das Risiko für diverse Krebsarten, begünstigt Herz-Kreislauf-Erkrankungen und verschlechtert psychische Störungen wie Depression und Angst. Dazu kommen die sozialen Folgen: Beziehungsprobleme, Arbeitsplatzverlust, häusliche Gewalt, Führerscheinentzug und Verschuldung.
Anzeichen und Symptome einer Suchterkrankung
Sucht entwickelt sich meist schleichend. Folgende Warnsignale können auf eine Abhängigkeit hindeuten:
- Kontrollverlust: Man trinkt oder konsumiert mehr als geplant oder kann den Konsum nicht wie beabsichtigt begrenzen.
- Starkes Verlangen (Craving): Ein intensiver, kaum kontrollierbarer Drang zu konsumieren.
- Toleranzentwicklung: Man braucht immer größere Mengen, um die gleiche Wirkung zu erzielen.
- Entzugserscheinungen: Beim Reduzieren oder Absetzen treten körperliche oder psychische Symptome auf (Zittern, Schwitzen, Angst, Unruhe, Schlafstörungen).
- Vernachlässigung anderer Interessen: Hobbys, Freundschaften, Beruf und Familie treten in den Hintergrund — der Konsum wird zum Lebensmittelpunkt.
- Fortgesetzter Konsum trotz negativer Folgen: Man konsumiert weiter, obwohl bereits gesundheitliche, soziale oder berufliche Probleme entstanden sind.
- Geheimhaltung und Bagatellisierung: Das Trinkverhalten wird verharmlost oder versteckt.
- Stimmungsschwankungen und Reizbarkeit: Besonders wenn kein Zugang zur Substanz besteht.
Diagnose nach ICD-11
In Österreich wird seit der Umstellung auf die ICD-11 (Internationale Klassifikation der Krankheiten, 11. Revision) zwischen verschiedenen Schweregraden unterschieden. Die ICD-11 spricht von "Störungen durch Substanzgebrauch" und differenziert:
- Schädlicher Substanzgebrauch (Hazardous Use): Konsum, der das Risiko für körperliche oder psychische Schäden erhöht, ohne dass bereits eine Abhängigkeit vorliegt.
- Schädigendes Muster des Substanzgebrauchs (Harmful Pattern): Der Konsum hat bereits zu nachweisbaren gesundheitlichen Schäden geführt.
- Substanzabhängigkeit (Substance Dependence): Die schwerste Ausprägung — gekennzeichnet durch eingeschränkte Kontrolle, Toleranzentwicklung, Entzugssymptome, fortgesetzten Konsum trotz Schäden und Priorisierung des Konsums gegenüber anderen Aktivitäten.
Die Diagnose wird von Fachärzt:innen für Psychiatrie, klinischen Psycholog:innen oder spezialisierten Suchtmediziner:innen gestellt — oft im Rahmen einer umfassenden Anamnese, unterstützt durch standardisierte Fragebögen und bei Bedarf Laboruntersuchungen (Leberwerte, CDT-Wert).
Stadien der Veränderung (Prochaska & DiClemente)
Das transtheoretische Modell von Prochaska und DiClemente beschreibt, wie Verhaltensänderungen bei Suchterkrankungen typischerweise ablaufen. Es hilft sowohl Betroffenen als auch Therapeut:innen, den aktuellen Stand der Veränderungsbereitschaft einzuschätzen:
- Absichtslosigkeit (Precontemplation): Die betroffene Person sieht kein Problem. "Ich trinke doch ganz normal."
- Absichtsbildung (Contemplation): Erste Zweifel entstehen. "Vielleicht trinke ich tatsächlich zu viel." Ambivalenz zwischen Veränderung und Beibehalten dominiert.
- Vorbereitung (Preparation): Die Entscheidung zur Veränderung reift. Erste konkrete Pläne werden geschmiedet.
- Handlung (Action): Aktive Schritte werden unternommen — z. B. Beginn einer Therapie, Entzug, Besuch einer Selbsthilfegruppe.
- Aufrechterhaltung (Maintenance): Die neue Verhaltensweise wird stabilisiert. Rückfallprävention ist zentral.
Rückfälle sind kein Scheitern, sondern ein häufiger und erwartbarer Teil des Veränderungsprozesses. Im Durchschnitt durchlaufen Betroffene diesen Kreislauf mehrfach, bevor eine stabile Veränderung gelingt.
Behandlungssystem in Österreich
Die Suchtbehandlung in Österreich folgt einem Stufenmodell, das sich an der individuellen Situation der Betroffenen orientiert:
1. Entzug / Entgiftung (Detoxifikation)
Der körperliche Entzug — also das Absetzen der Substanz unter medizinischer Aufsicht — ist bei Alkohol- und Benzodiazepinabhängigkeit ein medizinisch notwendiger erster Schritt. Ein Alkoholentzug kann ohne ärztliche Begleitung lebensbedrohlich sein (Krampfanfälle, Delirium tremens). Die Entgiftung erfolgt in der Regel stationär in psychiatrischen Abteilungen von Krankenhäusern oder spezialisierten Suchtkliniken und dauert typischerweise 7–14 Tage.
2. Entwöhnung (Rehabilitation)
Nach der körperlichen Entgiftung folgt die eigentliche Suchttherapie — die Entwöhnungsbehandlung. Hier geht es darum, die psychischen Ursachen der Sucht zu bearbeiten, neue Bewältigungsstrategien zu erlernen und ein suchtfreies Leben aufzubauen. Die Entwöhnung kann stationär (in einer Suchtklinik, typischerweise 6–16 Wochen), teilstationär (tagesklinisch) oder ambulant erfolgen.
3. Ambulante Nachbetreuung und Rückfallprävention
Die Nachsorge ist entscheidend für den langfristigen Erfolg. Dazu gehören ambulante Psychotherapie, regelmäßige Kontakte zu Suchtberatungsstellen, die Teilnahme an Selbsthilfegruppen und gegebenenfalls medikamentöse Unterstützung. Die Nachbetreuung sollte mindestens ein bis zwei Jahre andauern — Sucht ist eine chronische Erkrankung, die langfristige Begleitung braucht.
4. Betreutes Wohnen und soziale Reintegration
Für Menschen, die durch ihre Sucht ihre Wohnung oder ihren Arbeitsplatz verloren haben, bieten Einrichtungen wie der Grüne Kreis oder das Schweizer Haus Hadersdorf betreute Wohnformen und Reintegrationsmaßnahmen an. Diese Programme kombinieren therapeutische Betreuung mit praktischer Unterstützung bei der Rückkehr in ein selbstständiges Leben.
Therapieansätze bei Suchterkrankungen
Es gibt nicht die eine "richtige" Therapie bei Sucht — verschiedene Ansätze haben sich bewährt und werden oft kombiniert. Auf CheckPsy.at kannst du gezielt nach Therapeut:innen mit dem Fachgebiet Sucht suchen.
Motivierende Gesprächsführung (Motivational Interviewing)
Diese Methode, entwickelt von William R. Miller und Stephen Rollnick, ist besonders in der Frühphase der Behandlung zentral. Statt Konfrontation setzt sie auf empathisches Zuhören, das Herausarbeiten der eigenen Motivation zur Veränderung und den respektvollen Umgang mit Ambivalenz. Motivierende Gesprächsführung ist keine eigenständige Therapieform, sondern eine Grundhaltung, die in viele Behandlungsansätze integriert wird.
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)
Die Verhaltenstherapie ist eine der am besten erforschten Methoden in der Suchtbehandlung. Sie arbeitet mit der Identifikation und Veränderung dysfunktionaler Denkmuster ("Ich brauche Alkohol, um zu entspannen"), dem Aufbau alternativer Bewältigungsstrategien, der Analyse von Risikosituationen und der Entwicklung konkreter Rückfallpräventionsstrategien. Mehr dazu in unserem Methoden-Überblick.
12-Schritte-Programm
Ursprünglich von den Anonymen Alkoholikern (AA) entwickelt, basiert das 12-Schritte-Programm auf dem Eingeständnis der Machtlosigkeit gegenüber der Sucht, der Übernahme von Verantwortung und der gegenseitigen Unterstützung in der Gruppe. Wissenschaftlich konnte gezeigt werden, dass die Teilnahme an 12-Schritte-Programmen die Abstinenzraten verbessert — insbesondere bei Alkoholabhängigkeit. Das Programm wird sowohl in Selbsthilfegruppen als auch in professionellen Behandlungseinrichtungen eingesetzt.
Systemische Therapie
Sucht entsteht nicht im luftleeren Raum — sie betrifft immer auch das Familiensystem und das soziale Umfeld. Die systemische Therapie betrachtet die Funktion der Sucht im Beziehungssystem, arbeitet mit Familienmitgliedern und Partner:innen und fördert die Veränderung von Kommunikationsmustern. Besonders bei Jugendlichen und bei Paaren, in denen ein:e Partner:in suchtkrank ist, hat sich dieser Ansatz bewährt.
Psychodynamische Therapie
Psychodynamische Verfahren erforschen die unbewussten Konflikte, Beziehungsmuster und frühen Erfahrungen, die der Sucht zugrunde liegen können. Sie fragen: Welche Funktion hat die Sucht im seelischen Haushalt? Welche ungelösten Konflikte werden durch den Konsum "betäubt"? Diese Arbeit braucht Zeit und ist besonders sinnvoll bei Menschen mit traumatischen Vorgeschichten oder Persönlichkeitsstörungen.
Medikamentöse Unterstützung
Bei Alkoholabhängigkeit können bestimmte Medikamente den Genesungsprozess unterstützen — sie ersetzen keine Psychotherapie, ergänzen sie aber sinnvoll:
- Naltrexon (z. B. Revia): Ein Opioidrezeptor-Antagonist, der das Belohnungsempfinden beim Trinken reduziert. Studien zeigen, dass Naltrexon die Rückfallhäufigkeit und die Trinkmenge signifikant senken kann. In Österreich verschreibungspflichtig und erstattungsfähig.
- Acamprosat (z. B. Campral): Stabilisiert das Gleichgewicht des Glutamat-Systems im Gehirn, das durch chronischen Alkoholkonsum gestört wird. Acamprosat reduziert das Craving und hilft bei der Aufrechterhaltung der Abstinenz. Besonders wirksam in Kombination mit Psychotherapie.
- Disulfiram (Antabus): Eine "Aversionstherapie" — Disulfiram blockiert den Abbau von Acetaldehyd, sodass bei Alkoholkonsum unangenehme Symptome auftreten (Übelkeit, Erbrechen, Herzklopfen). Wird in Österreich seltener eingesetzt als früher, kann aber bei hochmotivierten Patient:innen sinnvoll sein.
- Nalmefen (Selincro): Ähnlich wie Naltrexon, wird aber gezielt zur Reduktion des Alkoholkonsums (nicht nur zur Abstinenz) eingesetzt — nach dem "As-needed"-Prinzip.
Bei Opioidabhängigkeit kommen Substitutionstherapien mit Methadon, Buprenorphin (Subutex, Suboxone) oder retardiertem Morphin zum Einsatz. Österreich hat ein gut ausgebautes Substitutionsprogramm — die Verschreibung erfolgt durch Suchtmediziner:innen oder Drogenambulanzen.
Anlaufstellen und Einrichtungen in Österreich
Österreich verfügt über ein gut ausgebautes Netz an Suchtberatungs- und Behandlungseinrichtungen. Hier die wichtigsten:
Anton Proksch Institut (Wien/Kalksburg)
Die größte und bekannteste Suchtklinik Österreichs — eine Sonderkrankenanstalt für Suchtkranke mit stationärer und ambulanter Behandlung. Das Institut bietet Entzug, Entwöhnung und Nachbetreuung für alle Formen von Abhängigkeit. Die stationäre Aufnahme erfolgt in der Regel über eine ärztliche Zuweisung. Website: api.or.at
Suchthilfe Wien (ehem. Dialog)
Die Suchthilfe Wien ist die zentrale Drehscheibe für Suchtberatung und -behandlung in Wien. Sie betreibt mehrere ambulante Beratungs- und Behandlungszentren, bietet niedrigschwellige Angebote (Kontaktläden, Spritzentausch, betreutes Wohnen) und arbeitet nach dem Prinzip der Schadensminimierung. Die Beratung ist kostenlos und anonym. Website: suchthilfe.wien
Grüner Kreis
Der Verein Grüner Kreis ist der größte Anbieter für stationäre Langzeittherapie bei Suchterkrankungen in Österreich. Die therapeutischen Gemeinschaften — oft in ländlicher Umgebung — kombinieren Psychotherapie, Arbeitstherapie, Sport und kreatives Arbeiten. Die Aufenthaltsdauer beträgt in der Regel 6–18 Monate. Das Angebot umfasst auch ambulante Betreuung und Nachsorge. Website: gruenerkreis.at
Schweizer Haus Hadersdorf
Eine therapeutische Einrichtung in Wien, die stationäre und teilstationäre Suchtbehandlung anbietet — mit Fokus auf Rehabilitation und soziale Reintegration. Das Angebot umfasst auch betreutes Wohnen und eine Beschäftigungstherapie. Website: shh.at
Suchtberatungsstellen der Bundesländer
In jedem österreichischen Bundesland gibt es öffentlich finanzierte Suchtberatungsstellen, die kostenlose und meist anonyme Erstberatung anbieten:
- Wien: Suchthilfe Wien, Sucht- und Drogenkoordination Wien
- Niederösterreich: Fachstelle für Suchtprävention NÖ, Beratungsstellen des Landes NÖ
- Oberösterreich: Institut Suchtprävention (pro mente OÖ), Drogenberatungsstelle des Landes OÖ
- Salzburg: Suchtberatung Salzburg (Verein Neustart), b.a.s. Stiftung
- Tirol: Suchtkoordination Tirol, Drogenberatung des Landes Tirol
- Steiermark: b.a.s. Stiftung, Drogenberatungsstelle Graz
- Kärnten: De La Tour Suchtberatung, Drogenberatung Kärnten
- Vorarlberg: Stiftung Maria Ebene, Clean Dornbirn
- Burgenland: PSD Burgenland (Psychosozialer Dienst)
Telefonische Hilfe und Krisenintervention
- Telefonseelsorge: 142 (kostenlos, 24/7)
- Kriseninterventionszentrum Wien: 01 / 31 330
- Sucht- und Drogenhotline Wien: 01 / 4000-53 600
- Rat auf Draht: 147 (für Kinder und Jugendliche, kostenlos)
Selbsthilfegruppen: AA, Al-Anon und mehr
Selbsthilfegruppen sind ein zentraler Bestandteil der Suchtbehandlung — sie bieten das, was professionelle Therapie allein nicht immer leisten kann: den Austausch mit Menschen, die dasselbe durchgemacht haben, das Gefühl, nicht allein zu sein, und ein langfristiges Unterstützungsnetzwerk.
- Anonyme Alkoholiker (AA): Die weltweit bekannteste Selbsthilfeorganisation für Alkoholabhängige. In Österreich gibt es AA-Gruppen in allen Bundesländern — Meetings finden regelmäßig statt und sind kostenlos. Website: anonyme-alkoholiker.at
- Al-Anon: Selbsthilfegruppen für Angehörige und Freund:innen von Alkoholiker:innen. Al-Anon hilft, die eigene Co-Abhängigkeit zu erkennen und gesunde Grenzen zu setzen.
- Narcotics Anonymous (NA): Für Menschen mit Drogenabhängigkeit — nach dem gleichen Prinzip wie AA. Auch in Österreich mit wachsendem Angebot.
- Spieler:innen-Selbsthilfe: Anonyme Spieler (GA) bieten Meetings für Menschen mit Glücksspielsucht an.
- SMART Recovery: Ein evidenzbasiertes Selbsthilfeprogramm als Alternative zu den 12-Schritte-Gruppen — mit Fokus auf kognitive Verhaltensstrategien. In Österreich noch weniger verbreitet, aber im Aufbau.
Kosten und Versicherungsleistungen
Die gute Nachricht: Suchtbehandlung wird in Österreich weitgehend von den Krankenkassen finanziert. Dennoch hängt die konkrete Kostenübernahme vom Behandlungssetting und dem Versicherungsträger ab:
- Stationärer Entzug und Entwöhnung: Wird bei medizinischer Indikation von ÖGK, BVAEB, SVS und anderen Trägern übernommen. In der Regel ist eine ärztliche Zuweisung bzw. ein Antrag auf Kostenzusage erforderlich.
- Ambulante Psychotherapie mit Kassenvertrag: Psychotherapeut:innen mit Kassenvertrag rechnen direkt mit der Krankenkasse ab — kein oder nur geringer Selbstbehalt. Die Wartezeiten können allerdings mehrere Monate betragen.
- Wahltherapeut:innen: Bei Wahltherapeut:innen zahlst du zunächst selbst und erhältst einen Zuschuss von der Krankenkasse zurück (ÖGK: derzeit ca. 33 € pro Sitzung). Die Differenz trägst du selbst.
- Kostenlose Suchtberatung: Suchtberatungsstellen der Länder und Gemeinden sowie Einrichtungen wie die Suchthilfe Wien bieten kostenlose Erstberatung und Begleitung an.
- Stationäre Langzeittherapie (z. B. Grüner Kreis): Wird bei entsprechender Indikation von der Krankenkasse, dem AMS oder der Sozialhilfe finanziert. Die Beantragung erfolgt in der Regel über die Suchtberatungsstelle.
Details zu Kosten und Kassenleistung findest du in unserem Ratgeber Was kostet Psychotherapie in Österreich?. Über CheckPsy.at findest du Therapeut:innen mit und ohne Kassenvertrag, die auf Suchterkrankungen spezialisiert sind.
Harm Reduction: Schadensminimierung
Nicht alle suchtkranken Menschen sind (sofort) bereit oder in der Lage, abstinent zu leben. Der Harm-Reduction-Ansatz erkennt diese Realität an und zielt darauf ab, die negativen Folgen des Konsums zu minimieren — ohne Abstinenz als Vorbedingung für Hilfe zu verlangen.
Harm Reduction in Österreich umfasst unter anderem:
- Substitutionstherapie: Für Opioidabhängige — Österreich hat eines der am besten ausgebauten Substitutionsprogramme in Europa.
- Spritzentauschprogramme: Verhindern die Verbreitung von HIV und Hepatitis C.
- Kontaktläden und niedrigschwellige Einrichtungen: Bieten einen sicheren Aufenthaltsort, Grundversorgung und erste Kontakte zum Hilfesystem — ohne Bedingungen.
- Drug Checking: In Wien kann über die checkit!-Initiative der Suchthilfe Wien der Inhalt von Substanzen analysiert werden — ein Angebot, das Leben retten kann.
- Kontrolliertes Trinken: Für manche Betroffene ist die Reduktion des Konsums ein realistischeres und erreichbares Ziel als vollständige Abstinenz. Professionelle Programme wie das "Kontrollierte Trinken nach Körkel" (KT) unterstützen diesen Ansatz.
Einen suchtkranken Menschen unterstützen
Wenn ein nahestehender Mensch suchtkrank ist, betrifft das immer das ganze Umfeld. Partner:innen, Kinder, Eltern und Freund:innen leiden mit — oft in Form von Angst, Ohnmacht, Wut und Erschöpfung. Dabei entwickeln Angehörige nicht selten eigene problematische Verhaltensmuster (sogenannte Co-Abhängigkeit): Sie versuchen, den Konsum zu kontrollieren, vertuschen die Probleme nach außen, übernehmen Verantwortung für die betroffene Person und vernachlässigen dabei ihre eigenen Bedürfnisse.
Folgende Grundsätze können helfen:
- Informiere dich: Je besser du Sucht als Erkrankung verstehst, desto leichter fällt es, angemessen zu reagieren — statt aus Hilflosigkeit oder Wut.
- Setze klare Grenzen: Du bist nicht dafür verantwortlich, die suchtkranke Person zu "retten". Teile ruhig, aber bestimmt mit, welche Verhaltensweisen du nicht akzeptierst — und ziehe Konsequenzen.
- Vermeide Ermöglichung: Lügen nicht decken, Schulden nicht übernehmen, Konsequenzen nicht abfedern. So schmerzhaft es ist: Natürliche Konsequenzen können ein Anstoß zur Veränderung sein.
- Biete Unterstützung an — ohne zu drängen: Zeige, dass du da bist und hilf bei konkreten Schritten (z. B. gemeinsam eine Beratungsstelle kontaktieren), aber akzeptiere, dass die Entscheidung zur Veränderung von der betroffenen Person selbst kommen muss.
- Hole dir selbst Hilfe: Al-Anon-Gruppen, Beratungsstellen und eigene Psychotherapie können enorm entlastend wirken. Du musst das nicht allein durchstehen.
- Schütze Kinder: Kinder suchtkranker Eltern tragen ein erhöhtes Risiko für eigene psychische Probleme. Organisationen wie NACOA (National Association for Children of Addicts) und Einrichtungen wie "Rainbows" bieten spezielle Unterstützung.
Häufige Fragen (FAQ)
Ab wann ist man alkoholabhängig?
Die Grenze zwischen riskantem Konsum und Abhängigkeit ist fließend. Zentrale Kriterien sind: Kontrollverlust (mehr trinken als geplant), starkes Verlangen (Craving), Toleranzentwicklung (man braucht immer mehr), Entzugssymptome beim Aufhören, Vernachlässigung anderer Interessen und fortgesetzter Konsum trotz negativer Folgen. Wenn mehrere dieser Kriterien über einen längeren Zeitraum zutreffen, spricht man von einer Abhängigkeit. Eine fundierte Diagnose sollte durch Fachärzt:innen oder klinische Psycholog:innen erfolgen.
Muss man für eine Suchtbehandlung abstinent sein wollen?
Nein. Viele Suchtberatungsstellen und therapeutische Einrichtungen arbeiten niedrigschwellig — du musst nicht bereits abstinent sein oder Abstinenz als Ziel haben, um Hilfe zu bekommen. Der erste Schritt ist oft ein unverbindliches Beratungsgespräch. Auch die Reduktion des Konsums kann ein sinnvolles Therapieziel sein.
Wie lange dauert eine Suchttherapie?
Das hängt von der individuellen Situation ab. Ein stationärer Entzug dauert typischerweise 1–2 Wochen, eine Entwöhnung 6–16 Wochen stationär oder mehrere Monate ambulant. Die ambulante Nachbetreuung sollte mindestens 1–2 Jahre dauern. Sucht ist eine chronische Erkrankung — viele Expert:innen empfehlen, auch nach einer erfolgreichen Behandlung langfristig an Selbsthilfegruppen teilzunehmen.
Zahlt die Krankenkasse die Behandlung?
Ja, grundsätzlich werden sowohl stationäre Entzugs- und Entwöhnungsbehandlungen als auch ambulante Psychotherapie (mit Kassenvertrag oder Kostenzuschuss bei Wahltherapeut:innen) von der Krankenkasse finanziert. Bei stationären Langzeittherapien (z. B. Grüner Kreis) ist ein Antrag auf Kostenzusage erforderlich. Kostenlose Suchtberatung bieten die Beratungsstellen der Bundesländer.
Was tun bei einem Rückfall?
Ein Rückfall ist kein Scheitern, sondern ein häufiger und erwartbarer Teil des Genesungsprozesses. Wichtig ist, den Rückfall nicht als Katastrophe zu bewerten, sondern als Lerngelegenheit: Was waren die Auslöser? Welche Warnsignale gab es? Kontaktiere möglichst schnell deine:n Therapeut:in, Suchtberatungsstelle oder Selbsthilfegruppe. Je früher du nach einem Rückfall wieder Hilfe annimmst, desto besser die Prognose.
Kann man Sucht heilen?
Sucht wird in der Fachwelt als chronische, aber gut behandelbare Erkrankung betrachtet — ähnlich wie Diabetes oder Bluthochdruck. Eine "Heilung" im Sinne von "man kann danach wieder kontrolliert konsumieren" ist bei schwerer Abhängigkeit in der Regel nicht möglich. Aber ein erfülltes, zufriedenes Leben ohne Substanzkonsum ist absolut erreichbar — und viele Menschen schaffen genau das.
Wie finde ich eine:n Therapeut:in für Suchttherapie?
Auf CheckPsy.at kannst du gezielt nach Psychotherapeut:innen suchen, die auf Sucht spezialisiert sind — gefiltert nach Standort, Kassenvertrag und Therapiemethode. Auch die Suchtberatungsstellen deines Bundeslandes können dich an geeignete Therapeut:innen vermitteln.
Quellen und weiterführende Links
- Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz: Österreichische Suchtpräventionsstrategie — sozialministerium.at
- Gesundheit Österreich GmbH (GÖG): Epidemiologiebericht Sucht — goeg.at
- Anton Proksch Institut — api.or.at
- Suchthilfe Wien — suchthilfe.wien
- Verein Grüner Kreis — gruenerkreis.at
- Schweizer Haus Hadersdorf — shh.at
- Anonyme Alkoholiker Österreich — anonyme-alkoholiker.at
- World Health Organization (WHO): Global Status Report on Alcohol and Health — who.int
- ICD-11: International Classification of Diseases, 11th Revision — Disorders due to Substance Use — icd.who.int
- Prochaska, J. O. & DiClemente, C. C. (1983): Stages and Processes of Self-Change of Smoking. Journal of Consulting and Clinical Psychology.
- Miller, W. R. & Rollnick, S. (2012): Motivational Interviewing. 3rd Edition. Guilford Press.