Rund ein Drittel aller Erwachsenen in Österreich leidet zumindest zeitweise unter Schlafproblemen. Für viele sind diese Phasen vorübergehend, doch bei etwa zehn Prozent der Bevölkerung entwickeln sich chronische Schlafstörungen, die Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Lebensqualität massiv beeinträchtigen. Trotzdem wird das Thema oft bagatellisiert — sowohl von Betroffenen als auch im medizinischen Alltag.
Dieser Ratgeber erklärt, welche Arten von Schlafstörungen es gibt, wie sie entstehen, wann professionelle Hilfe sinnvoll ist und welche Behandlungsmöglichkeiten in Österreich zur Verfügung stehen. Besonderer Fokus liegt auf der kognitiven Verhaltenstherapie für Insomnie (CBT-I), die international als Goldstandard gilt.
- Was sind Schlafstörungen?
- Arten von Schlafstörungen
- Ursachen und Risikofaktoren
- Symptome und Warnsignale
- Wann professionelle Hilfe suchen?
- Diagnostik: Vom Schlaftagebuch zum Schlaflabor
- Behandlung von Schlafstörungen
- Psychotherapie bei Schlafstörungen
- Schlafstörungen im österreichischen Gesundheitssystem
- Selbsthilfe und Schlafhygiene
- Häufige Fragen
- Quellen und weiterführende Links
Was sind Schlafstörungen?
Schlafstörungen (medizinisch: Dyssomnien und Parasomnien) umfassen eine Vielzahl von Beschwerden, die das Ein- oder Durchschlafen, die Schlafqualität oder den Schlaf-Wach-Rhythmus betreffen. In der internationalen Klassifikation ICD-10 werden sie unter den Diagnosen F51 (nichtorganische Schlafstörungen) und G47 (organische Schlafstörungen) erfasst.
Von einer klinisch relevanten Schlafstörung spricht man, wenn die Probleme mindestens dreimal pro Woche auftreten, seit mindestens einem Monat bestehen und zu einer deutlichen Beeinträchtigung der Tagesfunktion führen. Gelegentliche schlechte Nächte — etwa in Stressphasen — sind hingegen normal und kein Grund zur Sorge.
Gesunder Schlaf ist kein Luxus, sondern ein biologisches Grundbedürfnis. Während des Schlafs regeneriert sich der Körper, das Immunsystem wird gestärkt, Gelerntes wird im Gedächtnis gefestigt und emotionale Erlebnisse werden verarbeitet. Chronischer Schlafmangel erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Übergewicht, Depression und Angststörungen.
Arten von Schlafstörungen
Insomnie (Schlaflosigkeit)
Die Insomnie ist die häufigste Schlafstörung. Betroffene haben trotz ausreichender Gelegenheit zum Schlafen Schwierigkeiten beim Einschlafen, wachen nachts wiederholt auf oder erwachen zu früh. Kennzeichnend ist ein hoher Leidensdruck: Die Gedanken kreisen oft um den Schlaf selbst, wodurch ein Teufelskreis aus Anspannung und Schlaflosigkeit entsteht. Man unterscheidet zwischen akuter Insomnie (kurzfristig, oft durch belastende Ereignisse) und chronischer Insomnie (mindestens drei Monate anhaltend).
Schlafapnoe-Syndrom
Bei der obstruktiven Schlafapnoe (OSA) kommt es während des Schlafs wiederholt zu Atemaussetzern, weil die oberen Atemwege kollabieren. Betroffene schnarchen meist laut, haben morgens Kopfschmerzen und sind tagsüber extrem müde, obwohl sie subjektiv genug geschlafen haben. Schlafapnoe ist ein relevantes Gesundheitsrisiko und sollte unbedingt abgeklärt werden — sie betrifft in Österreich geschätzt vier bis sechs Prozent der Erwachsenen.
Restless-Legs-Syndrom (RLS)
Das Restless-Legs-Syndrom äußert sich durch einen unangenehmen Bewegungsdrang in den Beinen, der vor allem abends und nachts in Ruhesituationen auftritt. Die Beschwerden bessern sich durch Bewegung, stören aber massiv das Einschlafen. RLS betrifft etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung und hat genetische, neurologische und teilweise auch eisenmangelbedingte Ursachen.
Parasomnien
Parasomnien sind unerwünschte Phänomene, die während des Schlafs auftreten: Schlafwandeln (Somnambulismus), Albträume, Nachtterror (Pavor nocturnus) oder REM-Schlaf-Verhaltensstörung. Sie treten häufig bei Kindern auf und sind meist harmlos. Bei Erwachsenen können sie jedoch auf neurologische Erkrankungen hinweisen und sollten ärztlich abgeklärt werden.
Zirkadiane Rhythmusstörungen
Die innere Uhr ist bei manchen Menschen verschoben — sie werden sehr spät müde und können morgens kaum aufstehen (Delayed Sleep Phase) oder umgekehrt (Advanced Sleep Phase). Auch Schichtarbeit und Jetlag können den Schlaf-Wach-Rhythmus dauerhaft stören. Diese Störungen sind biologisch bedingt und keine Faulheit.
Hypersomnie und Narkolepsie
Bei Hypersomnien besteht eine übermäßige Tagesschläfrigkeit trotz ausreichender Schlafdauer. Narkolepsie ist eine seltene neurologische Erkrankung, bei der Betroffene unkontrolliert in den Schlaf fallen und teils kataplektische Anfälle (plötzlicher Tonusverlust der Muskulatur bei Emotionen) erleben. Beide Formen erfordern eine fachärztliche Abklärung.
Ursachen und Risikofaktoren
Schlafstörungen entstehen selten durch eine einzige Ursache. Das sogenannte 3-P-Modell (Spielman-Modell) erklärt die Entstehung chronischer Insomnie durch das Zusammenspiel von prädisponierenden, auslösenden und aufrechterhaltenden Faktoren.
Psychische Ursachen
- Stress und Überlastung: Beruflicher Druck, Prüfungsstress, familiäre Konflikte oder finanzielle Sorgen sind die häufigsten Auslöser akuter Schlafprobleme.
- Depression: Schlafstörungen sind eines der Kernsymptome einer Depression — sowohl Insomnie als auch Hypersomnie. Mehr dazu im Ratgeber Depression erkennen und behandeln.
- Angststörungen: Grübeln, Sorgenspiralen und körperliche Anspannung verhindern das Loslassen in der Nacht. Siehe auch Angststörung: Symptome und Therapie.
- Burnout: Erschöpfung bei gleichzeitiger innerer Getriebenheit führt häufig zu Ein- und Durchschlafstörungen. Mehr im Ratgeber Burnout: Hilfe finden.
- Trauma und PTBS: Albträume, Hypervigilanz und erhöhte Schreckhaftigkeit stören den Schlaf erheblich.
Körperliche und medizinische Ursachen
- Chronische Schmerzen (Rücken, Gelenke, Fibromyalgie)
- Schilddrüsenerkrankungen (Hyper- oder Hypothyreose)
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Atemwegserkrankungen
- Neurologische Erkrankungen (Parkinson, Multiple Sklerose)
- Hormonelle Veränderungen (Wechseljahre, Schwangerschaft)
- Medikamente (Betablocker, Kortison, bestimmte Antidepressiva, Schilddrüsenhormone)
Lebensstil und Umgebungsfaktoren
- Unregelmäßige Schlafzeiten und fehlende Schlafrituale
- Bildschirmnutzung (Smartphone, Laptop) bis kurz vor dem Einschlafen — Blaulicht unterdrückt die Melatoninproduktion
- Koffein, Alkohol und Nikotin — Alkohol erleichtert zwar das Einschlafen, verschlechtert aber die Schlafqualität in der zweiten Nachthälfte massiv
- Schwere Mahlzeiten am Abend
- Lärm, Licht, ungünstige Raumtemperatur
- Schichtarbeit und Jetlag
Aufrechterhaltende Faktoren
Besonders tückisch: Viele Strategien, die Betroffene intuitiv anwenden, verschlimmern die Schlaflosigkeit langfristig. Zu langes Liegenbleiben im Bett, frühes Zubettgehen, Tagschlaf zum Ausgleich oder stundenlange Grübeleien über den Schlaf führen dazu, dass das Bett mit Wachheit und Frustration verknüpft wird, statt mit Entspannung und Schlaf.
Symptome und Warnsignale
Schlafstörungen zeigen sich nicht nur nachts, sondern vor allem an den Folgen am Tag:
- Einschlafprobleme (mehr als 30 Minuten bis zum Einschlafen)
- Häufiges Aufwachen in der Nacht mit Schwierigkeiten, wieder einzuschlafen
- Zu frühes Erwachen am Morgen
- Nicht erholsamer Schlaf trotz ausreichender Schlafdauer
- Ausgeprägte Tagesmüdigkeit und Erschöpfung
- Konzentrations- und Gedächtnisprobleme
- Gereiztheit, Stimmungsschwankungen, emotionale Labilität
- Leistungseinbußen in Beruf oder Studium
- Erhöhte Unfallgefahr (Sekundenschlaf beim Autofahren)
- Sozialer Rückzug und Vermeidungsverhalten
Wann professionelle Hilfe suchen?
Nicht jede schlechte Nacht erfordert eine Behandlung. Professionelle Hilfe ist jedoch sinnvoll, wenn:
- Die Schlafprobleme seit mehr als vier Wochen bestehen
- Sie mindestens dreimal pro Woche auftreten
- Die Tagesfunktion deutlich beeinträchtigt ist (Arbeit, Beziehungen, Stimmung)
- Eigene Versuche, die Situation zu verbessern, gescheitert sind
- Begleitende psychische Symptome auftreten (Ängste, depressive Stimmung, Hoffnungslosigkeit)
- Der Verdacht auf eine organische Ursache besteht (Schnarchen mit Atemaussetzern, Beinunruhe)
Erste Anlaufstelle ist in der Regel die Hausärztin oder der Hausarzt. Je nach Befund erfolgt eine Weiterleitung an Fachärzt:innen für Psychiatrie, Neurologie, Pneumologie oder an Psychotherapeut:innen.
Diagnostik: Vom Schlaftagebuch zum Schlaflabor
Die Diagnostik von Schlafstörungen erfolgt schrittweise — von einfachen Selbstbeobachtungsinstrumenten bis hin zu technischen Untersuchungen im Schlaflabor.
Anamnese und klinisches Gespräch
Am Anfang steht ein ausführliches Gespräch: Wann treten die Probleme auf? Wie sieht der Schlaf-Wach-Rhythmus aus? Welche Lebensumstände, Medikamente, Vorerkrankungen gibt es? Gibt es psychische Belastungen? Auch die Schlafgewohnheiten des Partners oder der Partnerin werden einbezogen (Schnarchen, Atemaussetzer).
Schlaftagebuch
Das Schlaftagebuch ist eines der wichtigsten diagnostischen Instrumente. Über mindestens zwei Wochen werden Zubettgehzeit, geschätzte Einschlafzeit, Aufwachphasen, Aufstehzeit, Tagesbefinden und Substanzkonsum dokumentiert. Es gibt standardisierte Vorlagen, die von Schlafmediziner:innen oder Therapeut:innen ausgehändigt werden. Das Schlaftagebuch hilft dabei, Muster zu erkennen und den Behandlungsfortschritt zu verfolgen.
Fragebögen und Screeninginstrumente
Standardisierte Fragebögen wie der Pittsburgh Sleep Quality Index (PSQI), die Epworth Sleepiness Scale (ESS) oder der Insomnia Severity Index (ISI) helfen bei der Einschätzung des Schweregrads und bei der Abgrenzung verschiedener Schlafstörungen.
Aktigraphie
Ein kleines Gerät am Handgelenk (ähnlich einer Fitnessuhr) zeichnet über Tage bis Wochen die Bewegungsmuster auf. Daraus lassen sich Rückschlüsse auf Schlaf-Wach-Zeiten, Schlafdauer und Schlafeffizienz ziehen. Die Aktigraphie wird vor allem bei zirkadianen Rhythmusstörungen und zur Verlaufskontrolle eingesetzt.
Polysomnographie im Schlaflabor
Die Polysomnographie ist die umfassendste Untersuchung und gilt als Goldstandard in der Schlafmedizin. Dabei wird eine Nacht (oder mehrere Nächte) im Schlaflabor verbracht. Gemessen werden Hirnströme (EEG), Augenbewegungen (EOG), Muskelspannung (EMG), Herzfrequenz (EKG), Atmung, Sauerstoffsättigung und Beinbewegungen. In Österreich gibt es Schlaflabore an Universitätskliniken und größeren Krankenhäusern, unter anderem in Wien (AKH, Krankenanstalt Rudolfstiftung), Salzburg, Graz, Linz und Innsbruck.
Eine Polysomnographie ist vor allem bei Verdacht auf Schlafapnoe, Narkolepsie, REM-Schlaf-Verhaltensstörung oder andere organische Schlafstörungen indiziert — bei reiner Insomnie ist sie in der Regel nicht notwendig.
Behandlung von Schlafstörungen
CBT-I: Kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie — der Goldstandard
Die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (CBT-I) ist laut internationalen Leitlinien die Behandlung der ersten Wahl bei chronischer Insomnie — noch vor Medikamenten. Die Wirksamkeit ist durch zahlreiche Studien belegt: CBT-I hilft etwa 70 bis 80 Prozent der Betroffenen, und die Effekte sind langfristig stabiler als bei Schlafmitteln.
CBT-I umfasst typischerweise sechs bis acht Sitzungen und kombiniert folgende Bausteine:
- Psychoedukation: Wissen über Schlaf, Schlafregulation und den Teufelskreis der Insomnie vermitteln.
- Schlafrestriktion: Die im Bett verbrachte Zeit wird zunächst auf die tatsächliche Schlafzeit begrenzt. Das erhöht den Schlafdruck und verbessert die Schlafeffizienz. Klingt paradox, ist aber hocheffektiv.
- Stimuluskontrolle: Das Bett wird wieder ausschließlich mit Schlaf verknüpft. Regeln wie "Nur ins Bett gehen, wenn wirklich müde" oder "Nach 20 Minuten Wachliegen aufstehen" durchbrechen die negative Konditionierung.
- Kognitive Techniken: Unrealistische Überzeugungen über Schlaf ("Ich muss acht Stunden schlafen, sonst bin ich nicht funktionsfähig") werden identifiziert und verändert.
- Entspannungsverfahren: Progressive Muskelentspannung, Atemtechniken oder Achtsamkeitsübungen zur Reduktion der körperlichen und geistigen Anspannung.
Schlafhygiene
Schlafhygiene-Regeln allein reichen bei chronischer Insomnie meist nicht aus, sind aber ein wichtiger Baustein jeder Behandlung:
- Regelmäßige Schlaf- und Aufstehzeiten — auch am Wochenende
- Das Schlafzimmer kühl (16-18 Grad), dunkel und ruhig halten
- Koffein ab dem frühen Nachmittag vermeiden
- Alkohol nicht als Einschlafhilfe nutzen
- Bildschirme mindestens 30 bis 60 Minuten vor dem Schlafengehen weglegen
- Ein entspannendes Abendritual etablieren (Lesen, leichte Dehnübungen, warmer Tee)
- Tagsüber für ausreichend Bewegung und Tageslicht sorgen
- Das Bett nur zum Schlafen nutzen — nicht zum Fernsehen, Arbeiten oder Grübeln
Medikamentöse Behandlung
Schlafmittel (Hypnotika) können kurzfristig hilfreich sein, sind aber keine Dauerlösung. Benzodiazepine und Z-Substanzen (Zolpidem, Zopiclon) wirken zuverlässig, machen jedoch bei regelmäßiger Einnahme abhängig — laut Leitlinien sollten sie nicht länger als vier Wochen verschrieben werden.
Alternativen mit geringerem Abhängigkeitspotenzial:
- Melatonin: Kann bei zirkadianen Rhythmusstörungen und bei älteren Menschen hilfreich sein. In Österreich verschreibungspflichtig (retardiertes Melatonin) oder rezeptfrei in niedriger Dosierung als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich.
- Sedierende Antidepressiva: Mirtazapin, Trazodon oder Amitriptylin in niedriger Dosis werden bei Insomnie mit begleitender Depression oder Angststörung eingesetzt.
- Antihistaminika: Diphenhydramin und Doxylamin sind rezeptfrei, sollten aber wegen Nebenwirkungen (Tagesmüdigkeit, kognitive Beeinträchtigung) nicht dauerhaft eingenommen werden.
- Pflanzliche Mittel: Baldrian, Hopfen, Passionsblume und Lavendel haben eine milde beruhigende Wirkung, sind aber bei klinisch relevanter Insomnie meist nicht ausreichend wirksam.
Entspannungsverfahren
Ergänzend zur CBT-I haben sich verschiedene Entspannungstechniken bewährt:
- Progressive Muskelentspannung nach Jacobson: Systematisches Anspannen und Loslassen einzelner Muskelgruppen — besonders wirksam bei körperlicher Anspannung vor dem Einschlafen.
- Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR): Mindfulness-Meditation reduziert Grübeln und hilft, den Geist zur Ruhe zu bringen.
- Autogenes Training: Autosuggessive Entspannungstechnik, die in Österreich weit verbreitet ist und von vielen Therapeut:innen angeboten wird.
- Atemtechniken: Langsames, tiefes Atmen (z.B. 4-7-8-Methode) aktiviert das parasympathische Nervensystem und fördert die Entspannung.
- Biofeedback: Physiologische Signale wie Muskelspannung oder Herzfrequenz werden sichtbar gemacht und gezielt beeinflusst.
Lichttherapie
Bei zirkadianen Rhythmusstörungen kann gezielte Lichtexposition helfen, die innere Uhr zu regulieren. Eine Tageslichtlampe (10.000 Lux) wird morgens für 20 bis 30 Minuten eingesetzt. Diese Methode ist besonders in den dunklen Wintermonaten hilfreich und wird auch bei Winterdepression empfohlen.
Behandlung organischer Schlafstörungen
Bei Schlafapnoe ist die CPAP-Therapie (Continuous Positive Airway Pressure) die Standardbehandlung: Eine Maske hält die Atemwege durch leichten Überdruck offen. Beim Restless-Legs-Syndrom kommen je nach Schweregrad Eisensubstitution, Dopaminagonisten oder Alpha-2-Delta-Liganden zum Einsatz. Diese Behandlungen erfolgen fachärztlich.
Psychotherapie bei Schlafstörungen
Psychotherapie ist bei Insomnie die wirksamste Behandlung, insbesondere wenn psychische Faktoren beteiligt sind. In Österreich gibt es 23 anerkannte Psychotherapiemethoden — die folgenden sind bei Schlafstörungen besonders relevant:
Verhaltenstherapie
Die Verhaltenstherapie (VT) ist die Methode mit der stärksten Evidenz bei Insomnie. CBT-I ist ein verhaltenstherapeutisches Verfahren und arbeitet gezielt an schlafhinderlichen Verhaltensmustern und Gedanken. Finde Verhaltenstherapeut:innen über die CheckPsy-Suche.
Tiefenpsychologische Verfahren und Psychoanalyse
Wenn Schlafstörungen mit tiefer liegenden Konflikten, traumatischen Erfahrungen oder unbewussten Ängsten zusammenhängen, können psychodynamische Verfahren sinnvoll sein. Sie arbeiten an den Wurzeln der Beschwerden und sind besonders bei chronischen, therapieresistenten Schlafstörungen mit komplexer psychischer Komorbidität geeignet.
Systemische Therapie
Schlafstörungen wirken sich oft auf die Partnerschaft aus — und umgekehrt können Beziehungskonflikte den Schlaf stören. Systemische Therapie betrachtet das Gesamtsystem und kann bei paar- oder familienbezogenen Schlafproblemen hilfreich sein.
Hypnosetherapie
Hypnotherapie ist eine in Österreich anerkannte Methode, die bei Schlafstörungen gute Ergebnisse erzielen kann. In einem Zustand tiefer Entspannung werden neue Verknüpfungen zum Thema Schlaf geschaffen und Ängste vor der Schlaflosigkeit bearbeitet.
Auf CheckPsy.at kannst du gezielt nach Psychotherapeut:innen suchen, die Schlafstörungen als Fachgebiet angeben. Filtere nach Methode, Standort und Kassenvertrag.
Schlafstörungen im österreichischen Gesundheitssystem
Wer diagnostiziert und behandelt?
- Hausärztin/Hausarzt: Erste Anlaufstelle, kann körperliche Ursachen abklären, Schlafmittel verschreiben und an Fachärzt:innen überweisen.
- Fachärzt:innen für Psychiatrie und Neurologie: Zuständig für komplexe Schlafstörungen, Komorbiditäten und medikamentöse Therapie.
- Fachärzt:innen für Pneumologie oder HNO: Bei Verdacht auf Schlafapnoe.
- Schlafmedizinische Zentren: Universitätskliniken und spezialisierte Ambulanzen (z.B. Schlaflabor am AKH Wien, Landeskrankenhaus Salzburg, LKH Graz).
- Klinische Psycholog:innen: Diagnostik und Behandlung, auch CBT-I.
- Psychotherapeut:innen: Behandlung von Insomnie und begleitenden psychischen Störungen.
Kosten und Kassenleistungen
Die Kostenübernahme ist in Österreich je nach Leistung unterschiedlich geregelt:
- Ärztliche Konsultation: Bei Vertragsärzt:innen der ÖGK, SVS oder BVAEB sind Konsultation und Diagnostik auf Kasse. E-Card mitnehmen.
- Schlaflabor: Die Polysomnographie im Spital ist eine Kassenleistung. Voraussetzung ist eine ärztliche Zuweisung. Die Wartezeiten können je nach Standort mehrere Wochen bis Monate betragen.
- Psychotherapie mit Kassenplatz: In Österreich gibt es ein begrenztes Kontingent an kassenfinanzierten Psychotherapieplätzen. Die Therapie ist dann kostenlos. Die Wartezeit beträgt je nach Bundesland mehrere Wochen bis Monate. Mehr dazu im Ratgeber Kassenplatz Psychotherapie.
- Wahltherapeut:in: Bei Psychotherapeut:innen ohne Kassenvertrag zahlt man zunächst selbst (meist 80 bis 150 Euro pro Sitzung). Die ÖGK erstattet einen Zuschuss von derzeit rund 33 Euro pro Sitzung, die SVS und BVAEB etwas mehr. Details im Ratgeber Kosten der Psychotherapie.
- CPAP-Gerät bei Schlafapnoe: Wird bei ärztlicher Verordnung von der Krankenkasse übernommen.
Krankenstand bei Schlafstörungen
Bei schwerer Schlafstörung mit deutlicher Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit kann die Hausärztin oder der Hausarzt eine Krankmeldung ausstellen. Dies gilt insbesondere, wenn begleitende Diagnosen wie Depression, Angststörung oder Burnout vorliegen. Eine chronische Insomnie allein wird als eigenständige Diagnose (ICD-10: F51.0 oder G47.0) anerkannt und kann einen Krankenstand rechtfertigen.
Selbsthilfe und Schlafhygiene
Viele Schlafprobleme lassen sich durch Verhaltensänderungen deutlich verbessern. Folgende Strategien sind wissenschaftlich fundiert und können sofort umgesetzt werden:
- Feste Aufstehzeit etablieren: Jeden Tag zur gleichen Zeit aufstehen — unabhängig davon, wie die Nacht war. Das ist die wichtigste Einzelmaßnahme zur Stabilisierung des Schlaf-Wach-Rhythmus.
- Bettzeit begrenzen: Nicht zu früh ins Bett gehen und nicht im Bett wach liegen bleiben. Wer regelmäßig erst nach einer Stunde einschläft, sollte die Bettzeit entsprechend verkürzen.
- Pufferzone schaffen: Mindestens eine Stunde vor dem Schlafengehen herunterfahren — keine Arbeitsmails, keine aufregenden Serien, keine intensiven Gespräche.
- Sorgenzeit einplanen: Tagsüber bewusst 15 Minuten für Grübeln und Problemlösung reservieren, damit die Gedanken nicht erst nachts kommen.
- Bewegung — aber nicht zu spät: Regelmäßige körperliche Aktivität verbessert den Schlaf, sollte aber mindestens drei Stunden vor dem Zubettgehen beendet sein.
- Tageslicht tanken: Morgens 20 bis 30 Minuten Tageslicht — das synchronisiert die innere Uhr und verbessert die Melatoninproduktion am Abend.
- Koffein-Stopp: Ab 14 Uhr kein Kaffee, schwarzer Tee, Cola oder Energydrink. Die Halbwertszeit von Koffein beträgt bis zu sechs Stunden.
- Kein Uhrenschauen in der Nacht: Den Wecker umdrehen oder das Handy aus dem Schlafzimmer verbannen. Das Berechnen der Restschlafzeit erzeugt Stress und verschlimmert die Schlaflosigkeit.
Wenn diese Maßnahmen nach vier Wochen keine Besserung bringen, ist es Zeit, professionelle Hilfe zu suchen. Nutze die Therapeut:innen-Suche auf CheckPsy.at, um Fachleute in deiner Nähe zu finden.
Häufige Fragen zu Schlafstörungen
Wie viele Stunden Schlaf braucht man wirklich?
Die optimale Schlafdauer variiert individuell. Für Erwachsene empfiehlt die Schlafforschung sieben bis neun Stunden pro Nacht. Manche Menschen kommen mit sechs Stunden gut aus, andere brauchen neun. Entscheidend ist nicht die Stundenzahl, sondern ob der Schlaf erholsam ist und man sich tagsüber leistungsfähig fühlt.
Macht Schlafmangel krank?
Ja. Chronischer Schlafmangel erhöht das Risiko für zahlreiche Erkrankungen: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2, Übergewicht, geschwächtes Immunsystem, Depression und kognitive Beeinträchtigungen. Auch das Unfallrisiko steigt deutlich an — Müdigkeit am Steuer ist eine häufig unterschätzte Unfallursache.
Helfen Schlaf-Apps und Fitness-Tracker?
Schlaf-Tracker können einen groben Überblick über Schlafmuster geben, messen aber weniger genau als ein Schlaflabor. Ein Risiko besteht darin, dass die ständige Überwachung des Schlafs neue Ängste und Leistungsdruck erzeugt — in der Schlafmedizin wird dieses Phänomen als "Orthosomnie" bezeichnet. Im Zweifel ist ein handschriftliches Schlaftagebuch diagnostisch wertvoller.
Ist Melatonin ein sicheres Schlafmittel?
Melatonin ist kein klassisches Schlafmittel, sondern ein Hormon, das den Schlaf-Wach-Rhythmus reguliert. In niedriger Dosierung (0,5 bis 2 mg) und kurzfristiger Anwendung gilt es als gut verträglich. Bei zirkadianen Störungen oder Jetlag kann es hilfreich sein. Bei chronischer Insomnie ist die Wirkung allerdings begrenzt. In Österreich ist retardiertes Melatonin ab 55 Jahren verschreibungspflichtig, niedrig dosierte Präparate sind als Nahrungsergänzungsmittel frei verkäuflich.
Kann Psychotherapie bei Schlafstörungen helfen — auch ohne Medikamente?
Ja. CBT-I (kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie) ist bei chronischer Insomnie die wirksamste Behandlung und wird von internationalen Leitlinien als Erstlinienbehandlung empfohlen — vor Medikamenten. Die Erfolgsrate liegt bei 70 bis 80 Prozent, und die Verbesserungen bleiben langfristig stabil. Psychotherapeut:innen, die CBT-I anbieten, findest du auf CheckPsy.at.
Zahlt die Krankenkasse (ÖGK) die Behandlung von Schlafstörungen?
Ärztliche Konsultationen bei Vertragsärzt:innen und die Untersuchung im Schlaflabor sind auf Kasse. Für Psychotherapie gibt es ein begrenztes Kontingent an kostenlosen Kassenplätzen. Bei Wahltherapeut:innen leistet die ÖGK einen Zuschuss von derzeit rund 33 Euro pro Sitzung. SVS und BVAEB erstatten etwas mehr. Detaillierte Informationen findest du im Ratgeber Psychotherapie-Kosten Österreich.
Wann sollte ich ins Schlaflabor gehen?
Ein Schlaflabor ist sinnvoll bei Verdacht auf Schlafapnoe (lautes Schnarchen mit Atemaussetzern, extreme Tagesmüdigkeit), Narkolepsie, periodische Beinbewegungen im Schlaf (PLMS) oder wenn die Ursache der Schlafstörung unklar bleibt. Bei reiner Insomnie ohne Verdacht auf organische Ursachen ist ein Schlaflabor in der Regel nicht notwendig.
Quellen und weiterführende Links
- Gesundheit.gv.at — Schlafstörungen (Bundesministerium für Gesundheit)
- Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ÖGPP)
- Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) — Leitlinien
- European Sleep Research Society (ESRS)
- Riemann, D. et al. (2017): "European guideline for the diagnosis and treatment of insomnia." Journal of Sleep Research, 26(6), 675-700.
- Morin, C. M. et al. (2006): "Psychological and behavioral treatment of insomnia: Update of the recent evidence (1998-2004)." Sleep, 29(11), 1398-1414.
- CheckPsy Ratgeber: Depression erkennen und behandeln
- CheckPsy Ratgeber: Angststörung — Symptome und Therapie
- CheckPsy Ratgeber: Was kostet Psychotherapie in Österreich?