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Mobbing am Arbeitsplatz: Psychische Folgen & Hilfe in Österreich

Was ist Mobbing, wie erkennst du es, welche psychischen Folgen hat es und wo findest du Hilfe?

Was ist Mobbing am Arbeitsplatz?

Mobbing am Arbeitsplatz ist kein einmaliger Konflikt und auch keine gelegentliche Meinungsverschiedenheit. Der Begriff beschreibt ein systematisches, wiederholtes und über einen längeren Zeitraum andauerndes Muster von feindseligen oder entwürdigenden Handlungen, das sich gegen eine einzelne Person richtet. Entscheidend ist das Zusammenspiel dreier Merkmale: Die Handlungen passieren regelmäßig (mindestens einmal pro Woche), über einen längeren Zeitraum (in der Forschung wird häufig ein Zeitraum von mindestens sechs Monaten genannt) und sie erzeugen ein Machtungleichgewicht, das die betroffene Person zunehmend in die Defensive drängt.

Das Konzept geht auf den Arbeitspsychologen Heinz Leymann zurück, der in den 1980er Jahren systematisch beschrieb, wie wiederholte soziale Angriffe am Arbeitsplatz zu schwerwiegenden psychischen Schäden führen können. Seither ist Mobbing ein anerkanntes Phänomen in der Arbeits- und Organisationspsychologie sowie in der Rechtsprechung vieler europäischer Länder.

Abgrenzung: Mobbing vs. Konflikt

Nicht jeder Streit am Arbeitsplatz ist Mobbing. Es ist wichtig, diese Unterscheidung zu verstehen.

  • Einmaliger Konflikt: Zwei Personen geraten in Streit, klären die Situation und die Spannung löst sich auf. Keine Seite wird systematisch benachteiligt.
  • Sachlicher Arbeitskonflikt: Unterschiedliche Meinungen über Arbeitsmethoden oder Prioritäten – solange die Auseinandersetzung respektvoll bleibt.
  • Mobbing: Gezielte, wiederholte Handlungen, die darauf abzielen, eine Person zu verletzen, zu isolieren, zu demütigen oder aus dem Unternehmen zu drängen.

Ein wichtiges Warnsignal ist das subjektive Erleben von Ohnmacht: Wenn du das Gefühl hast, dass du nichts tun kannst, um die Situation zu verbessern, egal was du versuchst, dann ist das ein Hinweis darauf, dass es sich nicht mehr um einen normalen Konflikt handelt.

Formen von Mobbing

Verbales Mobbing

Dazu zählen Beleidigungen, Beschimpfungen, abwertende Kommentare, ständige Kritik an der Arbeitsleistung ohne konstruktive Grundlage, öffentliches Bloßstellen oder das Verbreiten von Gerüchten und Unwahrheiten über die betroffene Person.

Soziales Mobbing

Hier geht es um den Ausschluss aus der Gruppe: Die betroffene Person wird bei Meetings ignoriert, aus informellen Gesprächen ausgeschlossen, nicht zu Teamveranstaltungen eingeladen oder systematisch totgeschwiegen. Auch das Vorenthalten von wichtigen Informationen zählt dazu.

Arbeitsplatzbezogenes Mobbing

Dazu gehören sinnlose, entwürdigende oder weit unter dem Qualifikationsniveau liegende Aufgaben, das ständige Verändern von Zuständigkeiten ohne Erklärung, das Setzen unrealistischer Deadlines oder das systematische Blockieren von Karrieremöglichkeiten.

Cybermobbing am Arbeitsplatz

Mit der zunehmenden Digitalisierung verlagert sich Mobbing auch in digitale Kanäle. Abwertende Nachrichten über Messenger-Dienste, Ausschluss aus digitalen Gruppen oder das Verbreiten beschämender Inhalte zählen dazu. Cybermobbing hat die besondere Eigenschaft, dass es rund um die Uhr stattfinden kann.

Bossing

Eine spezifische Form ist das sogenannte Bossing – wenn die mobbende Person eine Führungskraft ist. Bossing ist besonders belastend, weil die betroffene Person von der Zustimmung und Bewertung der mobbenden Person abhängig ist. Typische Formen sind willkürliche Kritik, Überwachung, Ausgrenzung aus Entscheidungsprozessen oder das gezielte Untergraben der fachlichen Autorität.

Psychische Folgen von Mobbing

Die psychischen Auswirkungen von Mobbing am Arbeitsplatz sind weitreichend und können sich zu ernsthaften psychischen Erkrankungen entwickeln, wenn die Situation anhält.

Depression

Anhaltende Erfahrungen von Hilflosigkeit, Ausgrenzung und Entwürdigung können depressive Erkrankungen auslösen oder verstärken. Betroffene beschreiben Gefühle der Wertlosigkeit, den Verlust von Freude und Antriebslosigkeit. Wenn du Gedanken an Selbstverletzung oder Suizid hast, wende dich bitte sofort an die Telefonseelsorge (0800 222 222, kostenlos, 24/7) oder in eine psychiatrische Notaufnahme. Mehr Infos in unserem Ratgeber Depression erkennen und behandeln.

Angststörungen

Die ständige Anspannung und Unvorhersehbarkeit am Arbeitsplatz kann zu generalisierten Angststörungen führen. Betroffene fürchten sich vor dem nächsten Angriff, vor Fehlern oder vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Diese Ängste können sich auch auf andere Lebensbereiche ausdehnen – Panikattacken, Vermeidungsverhalten oder soziale Rückzugstendenzen sind mögliche Folgen. Lies auch unseren Ratgeber zu Angststörungen.

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Schweres oder lang andauerndes Mobbing kann zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen. Dabei erlebt die betroffene Person belastende Situationen in Form von Flashbacks oder Albträumen immer wieder neu, vermeidet Orte oder Situationen, die an das Erlebte erinnern, und befindet sich in einem dauerhaften Zustand erhöhter Alarmbereitschaft. Mehr dazu in unserem Ratgeber Trauma und PTBS.

Burnout

Mobbing ist ein erheblicher Risikofaktor für die Entwicklung eines Burnouts. Die permanente emotionale Erschöpfung durch das Navigieren einer feindseligen Umgebung, kombiniert mit dem Gefühl der Wirkungslosigkeit, zehrt die psychischen Ressourcen auf. Mehr zu Burnout in unserem Ratgeber Burnout: Hilfe finden.

Schlafstörungen

Ein häufiges Frühzeichen ist die Beeinträchtigung des Schlafs: Gedanken über den Arbeitsplatz halten die betroffene Person nachts wach, Ein- und Durchschlafschwierigkeiten nehmen zu, und der Schlaf wird zunehmend als nicht erholsam erlebt.

Körperliche Folgen

Psychischer Stress hat auch körperliche Auswirkungen. Betroffene berichten häufig über:

  • Kopfschmerzen und Migräne
  • Magen-Darm-Beschwerden (Übelkeit, Magenschmerzen, Reizdarmsymptome)
  • Herzklopfen, erhöhter Blutdruck und Herzrasen
  • Muskelverspannungen, besonders im Nacken- und Schulterbereich
  • Geschwächtes Immunsystem mit häufigeren Infektionen
  • Erschöpfung und chronische Müdigkeit
Wichtig zu wissen: Körperliche Symptome durch psychischen Stress sind real und medizinisch relevant. Sie sind kein Zeichen von Schwäche, sondern eine natürliche Reaktion des Körpers auf anhaltende Belastung.

Rechtliche Situation in Österreich

Österreich kennt kein eigenständiges "Mobbing-Gesetz". Dennoch gibt es eine Reihe von Rechtsgrundlagen, die Schutz bieten können. Es ist ratsam, bei konkreten rechtlichen Fragen eine Rechtsberatung – zum Beispiel bei der Arbeiterkammer – in Anspruch zu nehmen.

Fürsorgepflicht des Arbeitgebers

Arbeitgeber:innen haben gegenüber ihren Arbeitnehmer:innen eine gesetzliche Fürsorgepflicht. Diese verpflichtet sie, die physische und psychische Gesundheit der Belegschaft zu schützen. Wenn ein Arbeitgeber Mobbing duldet oder nicht dagegen vorgeht, kann das eine Verletzung dieser Fürsorgepflicht darstellen.

ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG)

Das ArbeitnehmerInnenschutzgesetz verpflichtet Arbeitgeber:innen ausdrücklich dazu, Maßnahmen zum Schutz der psychischen Gesundheit zu ergreifen. Dazu gehört auch die Evaluierung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz. Mobbing stellt eine solche psychische Belastung dar.

Gleichbehandlungsgesetz

Wenn Mobbing auf einem Diskriminierungsgrund basiert – zum Beispiel Geschlecht, Alter, ethnische Zugehörigkeit, Religion, sexuelle Orientierung oder Behinderung – greift das Gleichbehandlungsgesetz. In solchen Fällen kann man sich an die Gleichbehandlungsanwaltschaft wenden.

Anlaufstellen in Österreich

Du musst Mobbing nicht alleine durchstehen. In Österreich gibt es verschiedene Stellen, die dir helfen können – kostenlos und vertraulich.

Arbeiterkammer (AK)

Die Arbeiterkammer ist eine der wichtigsten Anlaufstellen für Arbeitnehmer:innen in Österreich. Die AK bietet kostenlose Rechtsberatung zu Arbeitsrecht und kann dir helfen, deine Situation einzuschätzen. Du kannst die AK telefonisch, online oder persönlich kontaktieren. Jedes Bundesland hat eine eigene Arbeiterkammer.

Betriebsrat

Wenn es in deinem Unternehmen einen Betriebsrat gibt, ist das eine wichtige innerbetriebliche Anlaufstelle. Der Betriebsrat hat gesetzliche Aufgaben im Bereich des Schutzes der Arbeitnehmer:innen und kann vermittelnd tätig werden.

Arbeitsinspektorat

Das Arbeitsinspektorat überwacht die Einhaltung des ArbeitnehmerInnenschutzgesetzes. Wenn der Arbeitgeber seiner Pflicht zum Schutz der psychischen Gesundheit nicht nachkommt, kann das Arbeitsinspektorat eingeschaltet werden.

Dokumentiere alles: Wenn du Mobbing erlebst, ist eine sorgfältige Dokumentation entscheidend. Halte Datum, Uhrzeit, Ort, beteiligte Personen und eine genaue Beschreibung jedes Vorfalls schriftlich fest. Bewahre E-Mails und Nachrichten auf. Notiere auch, wer möglicherweise Zeuge war.

Professionelle Hilfe: Psychotherapie und klinisch-psychologische Behandlung

Die psychischen Folgen von Mobbing erfordern oft professionelle Unterstützung. Es ist kein Zeichen von Schwäche, sich Hilfe zu suchen – im Gegenteil: Es ist ein wichtiger Schritt zur Erholung.

Psychotherapie kann dabei helfen, die Erfahrungen zu verarbeiten, dysfunktionale Denkmuster zu erkennen und zu verändern, Strategien zur Stressbewältigung zu entwickeln und das Selbstwertgefühl wieder aufzubauen. In Österreich gibt es verschiedene anerkannte Psychotherapiemethoden; welche am besten geeignet ist, hängt von der individuellen Situation ab. Mehr dazu in unserem Ratgeber Psychotherapie-Methoden im Überblick.

Auf CheckPsy.at findest du Psychotherapeut:innen sowie klinische Psycholog:innen in deiner Nähe. Du kannst nach Fachgebiet, Ort und Kassenverträgen filtern.

Was du selbst tun kannst

  • Vertraute Menschen einweihen: Sprich mit Vertrauenspersonen über das, was du erlebst. Isolation macht die Situation schlimmer; soziale Unterstützung ist ein wichtiger Schutzfaktor.
  • Grenzen setzen: Soweit möglich, kommuniziere klar und ruhig, wenn bestimmte Verhaltensweisen inakzeptabel sind.
  • Auf Selbstfürsorge achten: Versuche, regelmäßige Schlafzeiten einzuhalten, ausreichend zu essen und Bewegung in deinen Alltag zu integrieren.
  • Ressourcen außerhalb der Arbeit stärken: Hobbys, soziale Kontakte und Aktivitäten außerhalb des Arbeitsplatzes helfen, eine Perspektive zu behalten.
  • Professionelle Beratung suchen: Zögere nicht, frühzeitig Unterstützung zu holen – sei es psychologische, rechtliche oder psychosoziale Beratung.

Prävention: Wie können Organisationen Mobbing verhindern?

  • Klare Richtlinien: Unternehmen sollten eine schriftliche Anti-Mobbing-Policy haben, die klar definiert, was nicht toleriert wird.
  • Anlaufstellen benennen: Es sollte klare Ansprechpersonen im Unternehmen geben – zum Beispiel eine Vertrauensperson oder eine interne Beschwerdestelle.
  • Führungskräfte schulen: Führungskräfte müssen lernen, Mobbingdynamiken zu erkennen und früh zu intervenieren.
  • Psychische Gefährdungsbeurteilung: Das ASchG schreibt vor, psychische Belastungen zu evaluieren. Eine ernst genommene Evaluierung kann Risikobereiche aufdecken.
  • Offene Fehlerkultur fördern: In Organisationen, in denen Fehler bestraft werden und Konkurrenzdenken dominiert, entsteht eher ein Klima, das Mobbing begünstigt.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wie lange muss etwas andauern, damit es als Mobbing gilt?

In der Forschung und Rechtsprechung wird häufig ein Zeitraum von mindestens sechs Monaten mit regelmäßigen Vorfällen als Orientierungswert genannt. Das bedeutet aber nicht, dass du sechs Monate warten musst, bevor du Hilfe holst. Wenn du dich systematisch und wiederholt angegriffen fühlst, solltest du so früh wie möglich handeln.

Kann ich meinen Arbeitgeber wegen Mobbing klagen?

Unter bestimmten Umständen ist das möglich – zum Beispiel wenn der Arbeitgeber seiner Fürsorgepflicht nicht nachgekommen ist. Die rechtliche Einschätzung hängt stark vom Einzelfall ab. Die Arbeiterkammer bietet kostenlose Rechtsberatung an und ist ein guter erster Anlaufpunkt.

Was, wenn die mobbende Person meine Chefin oder mein Chef ist?

Bossing – Mobbing durch Vorgesetzte – ist besonders schwierig, weil das Machtgefälle so deutlich ist. In diesem Fall sind außerbetriebliche Anlaufstellen besonders wichtig: die Arbeiterkammer, das Arbeitsinspektorat oder psychosoziale Beratungsstellen. Halte Vorfälle sorgfältig dokumentiert.

Kann Mobbing zu PTBS führen?

Ja. Schweres oder lang andauerndes Mobbing kann traumatische Erfahrungen hinterlassen, die zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen können. Flashbacks, Albträume, Vermeidungsverhalten und chronische Anspannung können Zeichen dafür sein. Eine professionelle Abklärung und Behandlung ist in solchen Fällen wichtig.

Wo finde ich eine Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten?

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